Was dürfen wir hoffen, wenn wir hoffen dürften?

Ein Beitrag von Dr. Christian Staffa

Dr. Christian Staffa. Bild: Ev. Akademie zu Berlin.

Der Zeitpunkt, zu bilanzieren und neues und altes Gelungenes in der Theologie und im jüdisch-christlichen Gespräch zu bedenken, passt in das politische Umfeld, in dem Homogenisierung  und Triumphalisierung der Erträge des „Christlichen Abendlandes“ politisch im wahrsten Sinne ins Feld geführt werden. Dagegen steht das jüdisch-christliche Gespräch, das uns lehren kann, Ambivalenzen zu spüren, eigene Abgründe in der Geschichte aufzusuchen, um daraus Kriterien für eine nicht selbstbezogene menschenfreundliche Zukunft zu gewinnen im Hören auf die Schrift und aufeinander. Hier finde ich Grund zu hoffen im Wissen darum, dass wir diese Hoffnung in Demut nähren müssen oder besser dürfen.

Verantwortungsübernahme

Die Voraussetzung des jüdisch-christlichen Gespräches nach 1945 war auf kirchlicher Seite zunächst die Verantwortungsübernahme einer verschwindend kleinen Minderheit für die mörderischen Folgen des christlichen Antisemitismus im Nationalsozialismus. Martin Niemöller schreibt: „Es handelt sich eben nicht darum, dass wir als Kirche in der Vergangenheit dies und das falsch gemacht haben, es handelt sich nicht um Fehler, sondern wir haben grundsätzlich das uns aufgetragene Amt in Ungehorsam versäumt und sind damit schuldig geworden.“[1] Leider meinte Niemöller das nicht auf den protestantischen Antisemitismus gemünzt, aber es trifft da genau zu. Es war das grundsätzliche Versagen der Kirchen, um das es geht gerade und besonders beim Mord an den Juden.

Diese Verantwortungsübernahme führte zum Beginn eines tieferen Lernprozess, der sich nun auf die gesamte Kirchengeschichte erstreckt mit der noch nicht mehrheitsfähigen Frage, was denn im Christentum diesen abgrundtiefen Hass, bzw. diese völlige Unberührtheit, die Feindschaft oder die Kälte hat entstehen lassen. Das führte zunächst zu einer neuen Exegese, die das Jude-Sein Jesu und von Paulus ernst nahm, Röm 9-11 und damit die unverbrüchlichen Zusagen Gottes an Israel entdeckte, die der alten Substitutionstheologie einen Riegel vorschoben. Hernach richtete sich die Aufmerksamkeit auf die Kirchengeschichte und im Protestantismus insbesondere auf die reformatorische Theologie und ihren expliziten Judenhass, wie auch die antijüdischen Implikationen ihrer Grundzüge oder Ausprägungen, wie Gesetzesfeindschaft und Spiritualisierungs- und Individualisierungstendenzen.

Dieser Prozess ist mit dem 500. Jahrestag der Reformation relativ weit entwickelt, aber es gibt weiterhin großen Arbeits- und Denkbedarf an der Frage, was denn die Einfallstore für diese abgründige Negativität war und ist. Dieses nicht als spezifisch deutschen „Spleen“ anzusehen, wie es nicht selten in der Ökumene angesehen wird, bleibt theologische und politische Aufgabe bewusster und hoffnungsfroher Christenmenschen.

Wandelbarkeit, oder die Erkenntnis, dass das Eigene sich wandelt im Zugehen und Zuhören auf den/die Anderen

Eine weitere Grunderkenntnis aus dem Gespräch ist bei aller auch unzulässigen Pauschalierung – denn wir sprechen hier über sehr individuelle und biographisch verankerte und motivierte Lernwege –, dass sich die eigene Theologie, der eigene Glaube im Dialog verändert.

So stellt(e) es eine ungeheure Zumutung dar, das Christentum ohne Absolutheits- und doch mit Wahrheitsanspruch zu denken. Neu, wenn auch in Anknüpfung alter Traditionen entstand das Verschränken dieses demütigen Zugangs mit der materiellen und politischen Seite biblischer Botschaft, die sich protestantischerseits erst mit der Annäherung an einen positiven Gesetzesbegriffes und mit der Inkorporation der herrschaftskritischen Seite jüdischer Tradition, von der das Neue Testament ein Teil ist, erschließt. In beiden angesprochenen Themen- und Praxisfeldern sind Wege begonnen, aber längst nicht abgeschritten. Wichtig war und ist für den Lernprozess die biblische, aber in kirchlicher Tradition stark verschüttete Erkenntnis, dass der/das Gekommene nicht der/das Kommende ist, und damit die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nicht vergeblich ist und für uns aus den Völkern sich erschließt über den Aufbruch gegen den Tod in Christus Jesus.

Wahrheitsfrage oder Die Wahrheit beginnt mit zwei

Kindschaft oder narzisstische Kränkung und ihre Gefahren

Zunächst einmal war ein großer Lernschritt, das Judentum im Christentum, die Elternschaft des Judentums im Christentum zu verstehen, anzunehmen und zu buchstabieren. „Die Wurzel trägt dich, nicht du die Wurzel“. Mit diesem Satz ist bei einer auf Länge gedehnten Verzögerung der Wiederkehr (aus jüdischer Perspektive dann erstmaligen Erscheinens) des Messias eine massive narzisstische Kränkung verbunden, die in der Kirchengeschichte leider nicht als produktive Beschränkung des Ego und Unterstreichung des Geschenkcharakters und der Unverfügbarkeit Gottes verstanden wurde. Die Unverbrüchlichkeit der Wurzel wurde als Halsstarrigkeit und Unbelehrbarkeit der Juden verstanden und so zur Verwerfung des Volkes Israel umgedeutet. So wurden die eigenen Glaubensmühen oder auch der eigene Unglaube auf „die Juden“ projiziert.

Dagegen entwickelte sich jener oben erwähnte Lernschritt, der die Dialektik des „schon“ und „noch nicht“ neu zu verstehen suchte und für das „noch nicht“, also das Ausstehende, jüdische Messiashoffnungen als bedeutsam für den eigenen Glauben zu denken und zu leben versuchte. So wurde in dieser Glaubenstradition der Gegensatz zu der Behauptung der Erfüllung der Verheißungen, die das Judentum überflüssig machen wollte und sei es mit Gewalt, abgelöst von einer anderen Perspektive: Die „Geschichte ist nach Gottes Willen mit dem Volk Israel unlöslich verbunden, nicht nur genetisch, sondern in echter unaufhörlicher Begegnung. Der Jude hält die Christusfrage offen… Denn Jesus Christus war Jude.“[2]

Der Lernprozess bewegt(e) sich auf eine antitriumphalistische Theologie zu, der das Hören auf Israel und damit auch sein Wohlergehen zum Bekenntnissatz wurde. Diese Haltung ist das Gegenteil von einer geglaubten und propagierten in meinen Augen hoffnungs-, in weiten Teilen bewusstlosen Nutzung der Wortverbindung „christliches Abendland“.

Zweifel am Eigenen produktiv halten

Selbstgefälligkeit über das Erreichte gehört neben der Ignoranz der vielen zu den problematischen und verstellenden Seiten dieses wie wohl jeden Lernprozesses.

Noch heikler scheint das Lernen über die Bedeutung des Landes Israel und der unvermeidlichen Nähe dieser Frage zur Haltung zum Staat Israel. Hier auszuhalten, dass wir auf manches wie besonders auf den Nahostkonflikt keine Antwort haben, aber z.B. hören müssen, wenn uns jüdische Freunde sagen, z.B. dass sie eine theologische Aufladung nicht hilfreich finden für die innerisraelische oder auch manchmal innerjüdische Diskussion in der Diaspora, gleichwohl mehr Verständnis für die Situation in Israel erwarten und nicht selbstgefällige Kritik, ist eine Grunderfahrung von Ambivalenz eigener Positionsbestimmung, die einer theologischen und politischen Reflexion bedarf: Wieviel emotionaler Eigenbedarf, wieviel historisch geladener Affekt wird von uns als theologische und politische Position „verkauft“? Hier ist die Frage nach der Bedeutung der Begrifflichkeit von Sünde als produktiver selbstreflexiver und doch unverfügbarer Kategorie in guter Weise zu stellen.

Dabei ist mir wichtig zu betonen, dass Sünde keine moralische oder gar moraline, sondern eine ethische oder theologische Kategorie ist. Es geht nicht um die Verwerflichkeit von gleichgeschlechtlichen Beziehung oder Ähnlichem, sondern um die Unversehrtheit des und der Anderen und das Bewusstsein von der Gefahr der egozentrischen Aufladung von Beziehung zu Gott und Mensch. Auch wenn Sünde und Schuld zwei sehr aus der christlichen Mode gekommene Begriffe sind – in der oben beschriebenen moralinen Zurichtung sicher zu Recht -, taugen sie zur theologischen Beschreibung menschlicher Abgründe wie: Antisemitismus ist Sünde.

Das Spannungsreiche als das Lebendigere erfahrbar zu machen, ohne wieder neu normativ zu sprechen, darin liegt Hoffnung für eine unserer komplexen Wirklichkeit angemessene alltagsrelevante Theologie. Der Sehnsucht nach einfachen Antworten, wie sie nicht nur der Rechtspopulismus weltweit zu geben versucht, ist nach meiner Erfahrung aus dem jüdisch-christlichen Gespräch nur mit biblisch theologischer Neugier und Vielschichtigkeit beizukommen und nicht mit einem Sicherheitsversprechen des Religiösen. Die Erotik der Unsicherheit, eine auf Gott vertrauende Lust am Leben, markiert somit die Wege ins Offene und damit weg von populistischen Vereinfachungen. Das dürfen wir hoffend tun.

[1] W. Gerlach, Als die Zeugen schwiegen, Berlin 1993, 376.
[2] D. Bonhoeffer, Ethik (DBW Bd. 6), (1941) München 1992, 95.

 

Zur Person:

Dr. Christian Staffa studierte evangelische Theologie in Berlin, Tübingen und Prag. Von 1999-2012 war Dr. Christian Staffa Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF). Seit November 2013 ist er Studienleiter für Demokratische Kultur und Kirche/Bildung an der Evangelischen Akademie zu Berlin. Dr. Christian Staffa ist Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung AMCHA, Christlicher Vorsitzender der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag, Mitglied des Kuratoriums Instituts Kirche und Judentum und Mitglied im SprecherInnenrat der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus. Seit Oktober 2019 ist er EKD Beauftragter für den Kampf gegen Antisemitismus.

 

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