„Und Mirjam singt…“

Ein Beitrag von Johanna Klee

Warum hoffen wir?

Johanna Klee
Pfarrerin Johanna Klee Bild: Sebastian Klee

Das Jahr 2020 ist für viele Menschen ein sehr einschneidendes Erlebnis. Die Pandemie führt nicht nur zu Einschränkungen, sondern auch zu diversen Ängsten. Neben den Sorgen um die eigene Gesundheit und um die Gesundheit von Angehörigen, entstehen wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Sorgen. Wir erleben eine weltweite Krise, deren Folgen noch lange nicht abzusehen sind.

Als evangelische Kirche, für gläubige Christ*innen ist es wichtig, in diesen Zeiten sprachfähig zu werden und zu bleiben. Statt in Schweigen zu verfallen, malen wir Bilder der Hoffnung. Wir knüpfen dabei an biblische und dogmatische Hoffnungsbilder an, die uns ermutigen, stärken und bekräftigen. Damit auch in schwierigen Zeiten das Wort Gottes, die Hoffnungs-Botschaft, erklingt. Dabei ist es in diesem Jahr zunehmend wichtiger geworden, nicht nur analoge, sondern auch digitale Verkündigungsformate zu etablieren. Hoffnung verbreitet sich kohlenstofflich in den  Gemeinden und virtuell im Netz.

Dafür kann die christliche Rede von der Hoffnung, die sogenannte „Hope Speech“ bereits auf erste Ideen zurückgreifen. Denn es wird zunehmend diskutiert, wie ein christlicher Umgang mit „Hate Speech“ im Netz aussehen könnte. So hat das Studienzentrum für Genderfragen 2017 in seiner Studie zu Hate Speech festgehalten: „Die Dynamik des Internets und die Professionalität, mit der die Verfasserinnen und Verfasser von Hasskommentaren die unterschiedlichen Plattformen zur Propaganda instrumentalisieren, machen verstärkte Anstrengungen zur Sensibilisierung und Aufklärung wichtig. Die Maßnahmen sollten sich nicht auf Ignorieren oder Löschen der Texte bzw. strafrechtliche Maßnahmen beschränken.“[1]

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Timo Versemann 2018 in einem Interview bei Deutschlandfunkkultur: „Was ist eigentlich gerade der sinnvolle Umgang mit Hate Speech? Dass es eine positive digitale Arbeit in der Kirche gibt, dass es aber auch positive Erzählungen und positive Bilder in Bezug auf geschlechtliche Entwicklung, in Bezug auf Flucht und Migration gibt, die auch eigenständig funktionieren und nicht immer nur als Antwort, als Reaktion auf diese Kommentare. Ich glaube, dass Hope Speech mehr sein muss als Friede, Freude, Eierkuchen, sondern auch konkrete politische Themen benennen können muss.“[2]

Und auch die Bloggerin Tabea Kraaz schreibt: „Das ist und war immer die Aufgabe von christlichen Menschen: Hoffnung machen, Zuversicht spenden, ermutigen und aufbauen. Das Evangelium ist eine Botschaft der Hoffnung und der Liebe. Das Tolle ist ja, dass christliche Kommunikation viele schöne Traditionen hat. Nicht nur das persönliche Wort des Lobens steht uns zur Verfügung. Wir können Segen weitergeben, den wir von Gott empfangen. Wir können füreinander beten oder sagen, wofür wir gerade Gebete brauchen können. So wie negative Kommunikation auf Hate Speech hinaus laufen kann, kann positive Kommunikation das Gegenteil bewirken: Hope Speech werden, Hoffnung schenken.“[3]

Worauf hoffen wir?

In unserer christlichen Rede von Hoffnung können wir auf biblische Traditionen zurückgreifen, die uns helfen, sprachfähig zu werden. Zur Verdeutlichung habe ich vier verschiedene  biblische Hoffnungstraditionen ausgewählt, die auch in unseren Zeiten weiterhin anschlussfähig bleiben. Diese vier Traditionen sind die Exoduserzählung, die Schöpfungsgeschichte, die Gerechtigkeitsfrage und die Auferstehungshoffnung.

Die Exoduserzählung

Die Exoduserzählung ist grundlegend für die Beziehung Gottes zu seinem Volk Israel. Bereits in einem der ältesten Lieder des Alten Testaments wird von der Befreiung Israels aus Ägypten berichtet, Mirjam singt davon: „Lasst uns Gott singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.“ (Ex 15,20-21). Aus diese historische Befreiung schöpft sich die Hoffnung Israels auf zukünftige Bewahrung durch Gott. Denn Gott ist mit seinem Volk Israel einen unwiderruflichen Bund eingegangen. Er steht in einer Beziehung zu seinem Volk, seinen Menschen, die er nicht aufkündigen wird. Er verspricht damit, sein Volk weiterhin in allen denkbaren Situationen zu begleiten und zu erretten: Aus Unterdrückung, Sklavenschaft, Exils- und Wüstenerfahrungen.

So erhoffen es vor allem die Texte, die während des babylonischen Exils entstanden sind (z.B. Jes 40,3-5; Jes 55,8-13; Ps 78,5-7). Gott verheißt ein heilsames Leben mit ihm, in Gemeinschaft mit ihm, im Land wo Milch und Honig fließen. Die Exoduserzählung kann auch für uns heute ein Bild der Hoffnung sein, da wo es um Flucht und Migration geht, um Neuanfänge und Aufbrüche. Aber eben auch, wenn es um die Erfahrung von „Exil“ im Lockdown geht, um das Hoffen auf eine neue Normalität nach dem Ende der Pandemie.

Die Schöpfungsgeschichte

In der Schöpfungsgeschichte wird Gott zum Schöpfer der ganzen Welt und aller Völker. Er hat die Welt zu Beginn der Zeit geschaffen. Er verspricht seine Schöpfung zu bewahren und seinen Bund aufrecht zu erhalten (Gen 9,13-15). Er wirkt in seiner Schöpfung, indem er für seine Welt sorgt, er kümmert sich um Tiere und Pflanzen (Ps 104,24-28; Mt 6,25-34) – und er überträgt dem Menschen als sein Ebenbild den Auftrag, die Schöpfung zu bebauen und zu bewahren (Gen 1,27-28). Dies bietet uns vor allem für die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit Anknüpfungspunkte.

Neben seinem Schöpfungshandeln in Vergangenheit und Gegenwart verspricht Gott auch, in der Zukunft die Schöpfung zur Vollendung zu bringen, indem das Böse endgültig vernichtet wird: „ Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Off 21,1-5). Die Schöpfung ist also kein einmaliges Ereignis, sondern sie ist creatio continua, ein sich stetig wandelndes Kontinuum.

Die Gerechtigkeitsfrage

Bei der Gerechtigkeitsfrage wird deutlich, dass Gott an der Seite der Unterdrückten und Marginalisierten steht. Schon der Prophet Amos tritt im 8. Jahrhundert für die Gerechtigkeit ein, arme Menschen dürfen nicht ausgebeutet werden, stattdessen: „ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Am 5,21-24). Auch Jesus Christus als Sohn Gottes wendet sich vor allem den gesellschaftlich Marginalisierten zu, den Kindern, den Frauen, den Sündern (Lk 19,8-9). Von seinen Nachfolger*innen fordert er dies ebenso ein (Mt 25,34-36). Das Idealbild christlicher Gemeinschaft zeichnet sich dadurch aus, dass gesellschaftliche Unterschiede aufgehoben sind und Gleichberechtigung herrscht: „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,26-29).

Jesus wird uns als Christ*innen also zum Vorbild für unser eigenes Handeln. Wir stehen in der Verantwortung, mit sozialer Ungerechtigkeit umzugehen und füreinander einzutreten. Dies ist vor allem dann wichtig, wenn es um soziale Ungleichheit geht, um Geschlechtergerechtigkeit, aber auch bei jeder anderen Form von Diskriminierung.

Die Auferstehungshoffnung

Die Auferstehungshoffnung ist gewissermaßen die grundlegendste Hoffnung von Christ*innen. Die christliche Hoffnung war von Anfang an mit Ostern verknüpft, mit der Hoffnung auf ein ewiges Leben, ermöglicht durch die Gnade Gottes. Aus dieser Hoffnung heraus haben sich Christinnen und Christen auf den Weg gemacht, angefacht vom Feuer des Pfingstwunders (Apg 2) von Jesus Christus zu reden und ihre Hoffnung in die ganze Welt zu tragen (Mt 28,16-20). Dabei erstreckt sich aber die christliche Hoffnung nicht auf die zukünftige Auferstehung, sie wirkt auch gegenwärtig in der Gemeinschaft der Gläubigen. Die Hoffnung wird ausgegossen durch den Heiligen Geist (Röm 5,1-5) und zeigt sich in der Liebe Gottes, die wiederum in der christlichen Gemeinschaft spürbar wird: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Joh 4,14-21).

Christ*innen leben aus der Hoffnung, die ihnen geschenkt ist. Dabei sind Glaube, Liebe und Hoffnung unmittelbar miteinander verknüpft (1. Kor 13,13). Aus der Auferstehungshoffnung heraus bewegen wir uns als Christ*innen in der Welt und verkündigen die Liebe Gottes, in vielen verschiedenen Formen, analog und digital.[4]

Wie hoffen wir?

Wir sind reich beschenkt mit biblischen Hoffnungsbildern. Wir knüpfen daran an, dass Gott in einer Beziehung mit den Menschen steht und sie begleitet. Dass Gott seine Schöpfung bewahrt, erhält und vollendet. Dass wir in Jesus Christus ein Vorbild für unser eigenes Handeln in der Welt finden. Dass wir durch den Heiligen Geist Liebe empfangen und leben. Denn: Gott wirkt in dieser Welt. Er leitet uns mit seiner Liebe. Dadurch können wir diese Welt zum Guten gestalten und verändern.

Aus diesen Hoffnungsbildern entwickeln wir eine Hoffnungssprache, eine Hope Speech. Wir müssen nicht schweigen, wir sind und bleiben sprachfähig: zu ermutigen, zu stärken und zu bekräftigen.

 

[1] https://www.gender-ekd.de/download/Verhasste%20Vielfalt.pdf
[2] https://www.deutschlandfunkkultur.de/evangelische-akademie-im-kampf-gegen-hassrede-hope-speech.1278.de.
html?dram:article_id=418833
[3] https://theotabea.com/2020/06/10/7-dinge-die-wir-gegen-hate-speech-im-internet-tun-konnen-eine-christliche-perspektive/
[4] Cf. https://www.taize.fr/de_article295.html

 

Zur Person:
Pfarrerin Johanna Klee hat Theologie in Berlin und Bern studiert. Derzeit arbeitet Sie als Studienleiterin im Theologischen Zentrum in Braunschweig. Im “Atelier Sprache” in Braunschweig legte sie die Meisterklasse Predigt ab, ergänzt durch Kurse im Wittenberger “Zentrum für Predigtkultur”. Sie ist von Herzen: Wortkünstlerin, W@nderin, Fem(me)inistin und agiert als Poetry-Slammerin, PlayingArtist und Referentin.

 

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