Hoffnung und Transformation

Ein Beitrag von Stefanie Hoffmann

Theologische Spotlights auf Kirche im digitalen Wandel

Pfarrerin Stefanie Hoffmann. Bild: Dominik Wolf

Wenn man in die Kommentarspalten und Twitter-Threads schaut, so lässt sich der Eindruck nicht verwehren, dass bei dem, was unter #digitaleKirche verhandelt wird, eine große Hoffnung mitschwingt. Und auch in Gesprächen mit den selbst nicht ganz so Digitalen ist diese Hoffnung häufig zu spüren. Eine Hoffnung auf Transformation und Innovation in einer Kirche, die gerade die sinkenden Mitgliederzahlen, die schwindende gesellschaftliche Relevanz auch theologisch erst einmal verarbeiten muss. Das, woran Kirche seit Jahren arbeitet, überlegt, hadert und erprobt: vielleicht gelingt es ja im Digitalen; mit den neuen Medien und Techniken der Digitalisierung.

Und in der Tat lässt sich in den immer mehr entstehenden digitalen Angeboten vieles Neue entdecken. Losgelöst von den etablierten Gemeinschaften und traditionellen Formen können und müssen neue Netze geknüpft und neue Formen gefunden werden. Aber ist „neu“ schon ein Grund für Hoffnung?

Unsere eigene Geschichte als evangelische Christ*innen lehrt uns, dass Medienaufbrüche durchaus mit einer grundlegenden Veränderung der theologischen Fragen und Antworten und kirchlichen Formen verbunden sein können. Unterstützt durch die Technik des Buchdrucks konnten die Gedanken Martin Luthers und Huldrych Zwinglis erst die Wirkungskraft entfalten, die heute unsern Zugang zum Glauben grundlegend prägt. Ist es also das Warten auf eine neue Reformation, die die Hoffnung prägt?

Worauf zielt die Hoffnung, die sich so schwer fassen lässt, aber wohlvernehmlich bei Kirche im digitalen Wandel mitschwingt? Und worauf ist sie gegründet?

Oder anders herum gefragt: Worauf sollte sie gegründet sein, um zu tragen, und wohin sollte sie zielen, um nicht ins Leere zu laufen?

Jürgen Moltmann zeichnet in seiner „Theologie der Hoffnung“ (1964) ein systematisches Bild christlicher Hoffnung. Er stellt sie auf das Fundament der Eschatologie, also der Lehre von den letzten Dingen.

„Das Eschatologische ist nicht etwas am Christentum, sondern es ist schlechterdings das Medium des Christlichen, der Ton, auf den im Glauben alles gestimmt ist, die Farbe der Morgenröte eines erwarteten neuen Tages, in die hier alles getaucht ist.“ (S. 12)

Die Hoffnung auf das grundlegend andere und das grundlegend Neue, über das wir nur in Glaubensbildern reden können, stellt dabei schon unser Leben hier und heute in ein neues Licht. Sie übersieht nicht die bedrückende Wirklichkeit, sondern gründet sich im Kreuzgeschehen und der Erwartung einer leiblichen Lebendigmachung. Die Hoffnung kann deswegen die uns bekannte Welt mit ihren Gesetzen und Zwangläufigkeiten überschreiten und sich den vermeintlichen Unausweichlichkeiten entgegenstellen. Eine solche Hoffnung macht dabei für Moltmann nicht ruhig und geduldig, sondern ungeduldig. Aus ihr können schon in dieser Welt Impulse für die Verwirklichung von Recht, Freiheit und Humanität ausgehen.

Diese Hoffnung ist aber immer wieder gefährdet und stößt an ihre Grenzen. Sie kann kippen in die Hoffnungslosigkeit. Und das gleich zu zwei Seiten. Verzweiflung und Vermessenheit sind Ausdrucksformen dieser Hoffnungslosigkeit. Beide trauen der göttlichen Verheißung nicht. Sie wollen schon jetzt Erfüllung oder können gar nicht darauf hoffen. In ihnen beiden liegt nicht die Kraft der Erneuerung des Lebens, die Kraft der Transformation.

Wie sieht es also mit der Hoffnung aus, die bei Kirche im digitalen Wandel mitschwingt? Wie viel transformative Kraft wohnt in ihr? Und an welchen Stellen ist sie von Hoffnungslosigkeit bedroht?

Natürlich kann an dieser Stelle nur auf die sichtbaren Formen geschaut werden. Der Glaube und die Hoffnung, die den individuellen Hintergrund einer jeden Person bildet, bleiben bei diesem Überflug unsichtbar.

Mit einem Blick auf die Innovationskraft, die immer neuen Ideen und Angebote, die in Kirche im digitalen Wandel spürbar wird, ist eine Verzweiflung an der Hoffnung, die sich mit der Welt und den christlichen Ausdrucksformen einfach abfindet, nicht sichtbar. Das aber ist genau eines der Gesichter der Verzweiflung: Die Unsichtbarkeit. Und keineswegs sind die Akteur*innen von #digitaleKirche und damit auch die #digitaleKirche in Gänze frei von der Gefahr der Verzweiflung an der Hoffnung. Konflikte, ausbleibender Erfolg oder Erschöpfung speisen auch hier die Hoffnungslosigkeit und schmälern die Kraft der Erneuerung.

Sichtbarer ist vielleicht die Gefährdung der Hoffnung durch die Vermessenheit. Die Selbst- und Fremdzuschreibungen, die Kirche im digitalen Wandel mit Heilsvorstellungen verbinden, lenken den Blick vom Grund der Hoffnung weg. Wenn Kirche im digitalen Wandel allein unter den Aspekten der Zielgruppenorientierung, Messbarkeit und Effizienzsteigerung gestaltet wird, ist das vielleicht sachgemäß und zukunftsträchtig, vergisst aber die Wirklichkeit christlichen Glaubens und Gottes Heilswirken, das auf uns zukommt.

Die Gefährdungen der Hoffnung gehören fest zur Hoffnung hinzu. Sie sind Ausdruck des Wesens der Hoffnung, die nicht starr vor oder zurück blickt, sondern ständig unterwegs ist. Die Kenntnis um die Gefährdungen der Hoffnung kann helfen, den Blick für Hoffnungslosigkeiten zu schärfen und sich nicht darin zu verlieren. Die Gründung der Hoffnung in dem Kommenden eröffnet dabei die Möglichkeit, aus Innovation Transformation werden zu lassen und in den neuen Formen, die Kirche im digitalen Wandel bietet, die Kraft der Erneuerung spürbar werden zu lassen.

Zum Schluss:

Selbstverständlich sind diese Beobachtungen zu Moltmanns Ausführungen zur Hoffnung nicht auf #digitaleKirche begrenzt. Sie schauen auf christliche und kirchliche Realitäten in allen ihren Erscheinungsformen; digital, analog und hybrid. Sie zeichnen ein Bild einer Welt, die nicht festgelegt ist, sondern sich im permanenten Wandel befindet und die christliche Hoffnung, dass in dieser schon jetzt die Morgenröte des Ewigen durchscheinen kann.

Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung. Untersuchungen zur Begründung und zu den christlichen Konsequenzen einer christlichen Eschatologie, München 19665

 

Zur Person:
Pfarrerin Stefanie Hoffmann ist Oberkirchenrätin in der Stabsstelle Digitalisierung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dort begleitet sie den Aufbau eines interdisziplinären theologischen Netzwerkes zu „Kirche im digitalen Wandel“ und ist beteiligt an der Entwicklung von theologisch-ethischen Positionen der evangelischen Kirche zu Aspekten der Digitalisierung. Darüber hinaus gestaltet sie Übersichten zu Projekten und Literatur im Bereich „Theologie und Ethik der Digitalisierung“ und unterstützt den Aufbau des „EKD-Digitalinnovationsfonds“.

Stefanie Hoffmann hat evangelische Theologie in Bochum und Berlin studiert und war vor ihrem Wechsel zur EKD Landeskirchliche Pfarrerin für „Kirche im digitalen Raum“ in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO).

 

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