Christliche Hoffnung kennt keine Begrenzung

Ein Beitrag von Präses Manfred Rekowski

19.10.2015, Düsseldorf: Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) Manfred Rekowski

Hoffnung ist uns zugesagt. Unsere eigenen Möglichkeiten markieren nicht die Grenzen dessen, was Christenmenschen hoffen. Auch das, was in unseren Kirchen tatsächlich gelebt wird, beschränkt nicht das Potenzial an Zukunft, das in der christlichen Botschaft angelegt ist. Nicht die Kräfte, die wir selbst mobilisieren können, nicht die Hoffnung, die wir in uns selbst tragen, beschränkt die Hoffnungsperspektive.

Denn die christliche Botschaft enthält vielmehr das Potenzial, den Rahmen unserer vom vermeintlich Machbaren beschränkten Hoffnung zu sprengen. Kurt Marti formuliert es so: „Dieses Leiden an der eigenen Glaubensarmut, an der Dürftigkeit kirchlicher Worte und Wirklichkeit ist zur Zeit das beste Teil des Glaubens. Damit verzichten wir nämlich darauf, unsere Erwartungen, die wir auf Jesus setzen, herabzuschrauben; wir halten vielmehr daran fest, dass in ihm ein Aufbruch geschehen ist, dessen revolutionäre Kraft sich noch kaum ausgewirkt hat. In seiner Botschaft, in seiner Person steckt ein Potential an Zukunft, das auch noch nach 2000 Jahren kaum angezapft ist.“[1] Da ist unbeschränkte Hoffnung spürbar. Hoffnung, die weiter trägt als menschliches Vermögen und vernünftiges Kalkül: Diese Hoffnung brauchen wir in der gegenwärtigen gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Situation. Verstärkte Veränderungsbereitschaft ist allenthalben gefragt. Hoffnung ist uns zugesagt. So entstehen Reformationen, Veränderungen in der Kirche und Transformationen in der Gesellschaft.

Hoffnungsgeschichten wollen erzählt werden

Zum kirchlichen Auftrag gehört es nach meinem Verständnis, Hoffnungsgeschichten zu erzählen und so immer wieder zu begründen, worauf und warum wir hoffen. In der biblischen Tradition (1. Petrus 3,15) ist dieser Auftrag so formuliert: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“. Das, was in der Liturgie für Ordinationen – d. h. den Beauftragungen zur öffentlichen Verkündigung – Pfarrerinnen und Pfarrern sowie Prädikantinnen und Prädikanten zugesagt wird, beschreibt sehr prägnant den Auftrag unserer Kirche: „Hilf den Menschen dankbar im Glauben zu leben und getröstet zu sterben.“ Aus dem Glauben, aus der Gottesbegegnung, entstehen Lebenserneuerung[2] und Hoffnung über den Tod hinaus. Auch das ist eine mir wichtige Perspektive christlicher Hoffnung.

Hoffnung ist nicht nur Gegenstand theologischer Reflexionen, sondern immer auch ein sehr persönliches Thema. In der Bibel faszinieren mich weniger theologische Gedankengebäude als vielmehr Geschichten, die sehr anschaulich Begegnungen Jesu mit unterschiedlichsten Menschen schilderte: Jesus hatte keine Berührungsängste. Ob es um einen notorischen Betrüger ging, um die Frau mit dem schlechten Ruf, die nervenden Kinder oder die fremde und aufdringliche Frau: stets ging er auf Menschen zu. Er ging denen nach, die sich von ihm abwandten. Er gab niemanden auf. Er gab jedem eine zweite Chance. Er liebt das Leben und lebt die Liebe. Er fördert das Lebendige. Er lebt unser Leben und stirbt unseren Tod. Er bestätigt nicht einfach das, was im Gang ist, sondern korrigiert, ruft zurecht. Er hat auch das letzte Wort über mich und mein Leben und es wird lauten: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Ich glaube: so ist Gott. So begegnet er mir im Alltag meines Lebens und so werde ich nach meinem Tod bei ihm geborgen sein. Denn von seiner Liebe trennt mich nichts. Das ist der Grund meiner Hoffnung.

Die Bibel erzählt: Gott ruft immer wieder aus dem Nichts ins Leben. Gottes Geheimnis ist auch im Scheitern zu entdecken. Erklären kann man nicht, warum Menschen, die in ihrem Leben immer wieder die Macht des Todes zu spüren bekommen und die Abgründigkeit der Welt erleben, bis zum heutigen Tage sagen: Ich glaube an den auferstandenen Gekreuzigten. Das kann man sich nicht selber sagen, das kann man sich nicht einreden. Dieser Glaube wird einem geschenkt: Davon lebt der christliche Glaube. Allem Augenschein zum Trotz hoffen und glauben Christinnen und Christen, dass Gott das Leben will und neues Leben schafft. Von ihm erwarten sie, dass er verschlossene Türen öffnet und aus Sackgassen herausführt. Wenn wir das aber erst nach dem Tod erwarteten, dann müssten wir wohl wirklich alle Hoffnungen begraben. Ich glaube, dass Gott das Leben schon im Hier und Jetzt will. Der christliche Glaube lebt aus den Verheißungen Gottes, die in beiden Teilen der Bibel die Verwandlung und Neuschöpfung der Welt in Aussicht stellen. Diese Verheißungen sind keine Vertröstungen, sondern Quellen der Hoffnung und ein beständiger Anstoß, sich in der Welt dafür einzusetzen.

Dieser Glaube verändert das Leben. Er gibt Menschen die Kraft, den Feinden des Lebens entgegen zu treten. Er gibt Menschen die Kraft, auch gegen die zu kämpfen, die im Namen von Religion Tod und Elend in die Welt tragen. Dieser Glaube gibt Menschen auch in Zeiten einer weltweiten Pandemie, die direkt oder indirekt erhebliche Auswirkungen auf viele Lebensbereiche hat, die Kraft Ohnmacht auszuhalten, sie zu tragen und zu ertragen.

Menschen, die vor Hoffnung verrückt sind,
lassen sich immer wieder von der Hoffnung verrücken

„Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein.“[3] Dieser Satz stammt aus einem Lied von Wolf Biermann. Der Liedermacher ist kein Christ, aber ich höre doch in seinen Worten die Grundmelodie christlicher Hoffnung: „vor Hoffnung verrückt sein“. Ich entdecke in diesem Satz, dass sich von christlicher Hoffnung auch in nicht-religiöser Sprache reden lässt. „Verrückt werden vor Hoffnung“ – das heißt: Wir können uns verrücken lassen. Nicht den Kopf hängen lassen, sondern zuversichtlich nach vorne schauen. Wir können uns verrücken lassen. Aufbrechen statt resignieren. Ich werde ver-rückt in einen Raum, in dem ich aufatmen kann. Aus dem Bereich der Verzweiflung, der Sorge, der Angst in den Raum der Hoffnung. Und ich halte an dieser Hoffnung fest. Denn Gott selbst hält sie lebendig. Das lässt mich unverrückbar hoffen.

Hoffnung ist uns zugesagt

Wir leben in einer Welt, in der nicht nur Säbelrasseln erklingt, sondern Bomben, Granaten und Raketen vielen Menschen den Tod bringen. Wir erleben derzeit, wie aus dem schleichenden Klimawandel eine Klimakatastrophe wird. Wir leben in einer Kirche, die als Teil der unerlösten Welt manchmal kein gutes Bild abgibt und die reformbedürftig ist. So hat sie, um nur ein Beispiel zu nennen, noch nicht gründlich genug erfasst, dass die strenge Unterscheidung zwischen real und digital nicht dem Wirklichkeitsverständnis und dem Erleben moderner Menschen entspricht. So sind digitale Begegnungen durchaus sehr real.

Deshalb bin ich ganz sicher: Der Blick auf die sinkende Zahl der Kirchenmitglieder in unserem Land und auf kleiner werdende Ressourcen entscheidet nicht darüber, ob wir noch Hoffnung für unser Leben und unsere Welt haben könnten. Nein: Wenige bewegen – von Hoffnung angesteckt – ganz viel. Menschen wachsen über sich hinaus – unsere Kirche wächst über sich hinaus.

Eine Kirche, die im Gekreuzigten und Auferstandenen wurzelt, sieht ihre Kernaufgabe darin, Menschen mit dieser bedingungslosen Liebe Gottes vertraut zu machen. Sie bleibt auch bei Niederlagen bei den Menschen und steht den Ohnmächtigen nahe. Dieses Handeln kann dabei helfen, die Angst vor der kirchlichen Zukunft, vor einem Schwachwerden, einem Verlust des Einflusses oder der finanziellen Möglichkeiten zu nehmen. Hoffnung ist uns zugesagt.

[1] Aus: Kurt Marti, Das Markusevangelium ausgelegt für die Gemeinde, Zürich 1985, S. 181

[2] Vgl. EKD-Text „evangelisch Kirche sein“ (2007): https://archiv.ekd.de/aktuell/56387.html

[3] Wolf Biermann: „Wir müssen vor Hoffnung verrückt sein. Marie, du dunkle Sonne, dass wir dich warfen in diese Welt.“

 

Zur Person:
Präses Manfred Rekowski ist der Vorsitzende der Kirchenleitung und erster Repräsentant der Evangelischen Kirche im Rheinland. Manfred Rekowski ist seit dem Jahr 2011 hauptamtliches Mitglied der Kirchenleitung. Er leitete von 2011 bis zu seiner Wahl zum Präses 2013 als Oberkirchenrat die Personalabteilung im Landeskirchenamt. Präses Rekowski hat in Bethel, Marburg, Bochum und Wuppertal Theologie studiert. 1986 wurde er Pfarrer in der Kirchengemeinde Wichlinghausen in Wuppertal. Parallel dazu war er von 1993 bis 2011 Superintendent in Wuppertal, zunächst des Kirchenkreises Barmen und dann, nach der von ihm vorangetriebenen Kirchenkreisfusion, des Kirchenkreises Wuppertal.

 

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