Hoffnung aus Indonesien

Ein Beitrag von Dr. Dyah Ayu Krismawati

 

Christlich-muslimische Beziehung in der Corona-Pandemie 

Das Foto zeigt Rev. Dr. Dyah Ayu Krismawati. Bild: privat
Rev. Dr. Dyah Ayu Krismawati

Wo gab es Hoffnung im schwierigen Jahr 2020? Ich denke zurück und erinnere mich.

Es ist Mai 2020. Die Muslime feiern Ramadan, den Fastenmonat der Muslime und Eid al-Fitr, das Fest des Fastenbrechens. Diese Festivitäten waren in der gegenwärtigen Situation nur schwierig durchzuführen – viele Länder und Gemeinden in Deutschland, Indonesien, aber auch anderswo in unserer Welt haben in großem Maßstab soziale Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie erlassen. Diese erschwerten es den gläubigen Muslimen, Verwandte und Freunde in anderen Regionen zu besuchen. Normalerweise sind Ramadan und Eid al-Fitr vom gemeinsamen Gebet, dem allabendlichen gemeinschaftlichen Fastenbrechen (Iftar), Hände schütteln und dem Besuch untereinander geprägt. In der Hochphase der Coronazeit konnte all das nicht wie gewohnt gemacht werden.

Alte Traditionen in neuen Formaten

In normalen Zeiten besuchen z.B. in Indonesien auch die Christen zu Eid al-Fitr, in Indonesien „Lebaran“ genannt, ihre muslimischen Familien, Nachbarn und Freunde in der Nähe, aber auch in entfernteren Regionen. Sie überbringen persönlich Glückwünsche „Selamat hari raya“, den Segen zum Feiertag, und bitten gegenseitig um Verzeihung: „Mohon maaf lahir dan batin“, und zwar von Herzen. Es ist eine besondere Tradition in allen Regionen Indonesiens, sich gegenseitig zu besuchen und einander um Verzeihung zu bitten, da man der Ansicht ist, dass jeder, sei es absichtlich oder aber auch unbewusst, einen anderen psychisch oder physisch verletzt haben könnte. Eid al-Fitr ist die gute Zeit, auf die man wartet, denn dann können die Menschen sich entschuldigen, einander vergeben und eine gute Beziehung zueinander herstellen.

Weil viele der Menschen ihre Familien und Freunde aufgrund der momentanen Corona—Beschränkungen nicht direkt besuchen konnten, haben sie andere Wege genutzt. Eine dieser Möglichkeiten war, ein Video mit Wünschen zu Eid al-Fitr aufzunehmen und dieses in den sozialen Medien hochzuladen.

Pfarrerinnen und Nonnen singen über Frieden und Vergebung

Als ein herausragendes Beispiel kann die Aktion von Pfarrern und Pfarrerinnen von den Molukken angeführt werden. Sie sangen in einer gemeinsamen Videokonferenz „Assalamualaikum“ für die Muslime, die Eid al-Fitr feierten.

Dieses Lied wurde vom muslimischen Sänger Opick (mit bürgerlichem Namen Aunur Rofiq Lil Firdaus) komponiert und es ist sehr populär in der muslimischen Gesellschaft Indonesiens. Die zentralen Zeilen aus diesem Lied lauten folgendermaßen:

Assalamu ‚alaikum ya akhi, ya ukhti. (Friede sei mit dir, Bruder und Schwester)
Salam-salam hai saudaraku (Friede sei mit dir, mein Bruder und meine Schwester)
Smoga Allah merahmatimu (Möge Allah dich segnen)
Salam-salam wahai semua (Friede sei mit dir)
Smoga hidup jadi bahagia (Mögest du ein glückliches Leben haben)

Neben den Pfarrern und Pfarrerinnen von den Molukken haben auch drei katholische Nonnen aus Java ein ähnliches Video für die Muslime in ihrer Region aufgenommen. Dieses Lied ist ebenfalls sehr populär in Indonesien. Ein paar Zeilen aus diesem Lied heißen:

Setelah berpuasa satu bulan lamanya (Nach einem Monat Fastenzeit,)
Berzakat fitrah menurut perintah agama (Zakat (Almosen) geben nach religiösem Gebot,)
Kini kita ber Idul Fitri berbahagia (feiern wir jetzt fröhlich Eid al-Fitr,)
Mari kita berlebaran bersuka gembira (lasst uns Eid al-Fitr mit Freude feiern,)
Berjabatan tangan tambil bermaaf-maafan (Hände schütteln und einander vergeben,)
Hilang dendam habis marah di Hari Lebaran (wir werden Rache und Wut verlieren beim Eid al Fitr.)
Minal Aidzin Wal Faidzin (bitte vergebt von (ganzem) Herzen,)
Maafkan lahir dan batin (bitte vergebt von (ganzem) Herzen.)

In diesen Liedern werden andere Menschen als Brüder und Schwester angesehen. Die Bedeutung beider Lieder ist auch deshalb so positiv, weil sie alle Menschen zu guten Beziehungen zueinander und zur Versöhnung miteinander ermutigen. Zu den Videos

Solidarität als ein Zeichen der Hoffnung

Die Herstellung und das Hochladen der beiden Videos in den sozialen Medien kann so verstanden werden, dass Christen sowohl ihre Fürsorge und ihren Respekt für die Muslime während des Eid al-Fitr zeigen möchten. Christen in Indonesien sind generell bestrebt, Solidarität und gute Beziehungen mit den Muslimen in vielfältiger Weise zu pflegen. Die momentan eingeschränkten Möglichkeiten in der Corona Pandemie, einander persönlich zu begegnen, und die weiteren sozialen Einschränkungen, die die Bevölkerung heftig treffen, können aber die Aufmerksamkeit der Christen in Indonesien für ihre muslimischen Mitbürger nicht bremsen.

Diese Aktionen sind ein Teil des theologischen Ausdrucks der Christen und drücken vor allem viel Hoffnung aus, die sehr positiv aufgenommen wird, da es in der Gesellschaft Indonesiens Spannungen gibt. Es gibt leider verschiedene, heterogene Gruppen, die gute Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Religionen in Indonesien nicht akzeptieren wollen. Diese Gruppen rechtfertigen ihre Haltung zum Teil durch religiöse Doktrinen, zum Teil durch politische Statements. Die Extremisten kritisieren und wollen nicht akzeptieren, was die Pfarrer und Pfarrerinnen auf den Molukken und die drei katholischen Nonnen gemacht haben. Sie werfen den Christen vor, dass sie eine solch solidarische Haltung nur vorgeben würden und es ihnen nicht ernst sei mit Versöhnung und Vergebung. Für die vielen progressiven Gruppen ist es jedoch sehr wichtig, Schwester- und Brüderlichkeit zu verwirklichen und dies somit auch bei vielen Gelegenheiten auszudrücken.

Interreligiöse Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben

Auf der muslimischen Seite gibt es die Nahdlatul Ulama (NU), eine islamisch-sunnitische Organisation, die in Opposition zu Wahhabiten und Salafisten steht und einen traditionalistischen muslimischen Kurs vertritt, der nicht totalitär, sondern tolerant ist. Bürger mit NU Hintergrund werden als progressiv angesehen. Sie engagieren sich sehr für interreligiöse Beziehungen. Die NU entwickelt und verbreitet ihre Sicht über Schwester-und Brüderlichkeit, die sie „Ukhuwah“ nennt. Nach Ansicht der NU ist die „Ukhuwah“ zentral für das Zusammenleben. Es gibt drei unterschiedliche Arten „Ukhuwah/Schwester-und Brüderlichkeit“, und zwar: Schwester-und Brüderlichkeit zwischen Muslime (ukhuwah islamiyah), Schwester-und Brüderlichkeit zwischen Menschen aus einem gleichen Volk/ von gleicher Nationalität (ukhuwah wathoniyah) und Schwester-und Brüderlichkeit zwischen den Menschen im Allgemeinen (ukhuwah bashariyah). Dies drückt zugleich die Hoffnung aus, dass es viele gute Partner gibt, mit denen ein friedliches Zusammenleben und eine gute zwischenmenschliche Beziehung mit Toleranz und gegenseitigen Respekt in Indonesien verwirklicht werden kann.

Wahre Schwester- und Brüderlichkeit als gemeines Ziel

Selbstverständlich ist es auch aus christlicher Sicht sehr wichtig, Schwester- und Brüderlichkeit zu pflegen. Es ist ja eine der Botschaften der Bibel, dies zu tun und sich um eine gute Beziehung mit anderen Menschen zu kümmern, verbunden in der Liebe zu Gott (1. Joh. 3, 11-18). In einer Perikope wird auch erwähnt, dass eine gute Beziehung zu Anderen und Versöhnung wichtige Voraussetzungen sind, wenn man eine Gabe zu Gott zu bringen will (Matthäus 5, 23-24). Schwester- und Brüderlichkeit aufzubauen, einander zu lieben und einander zu respektieren ist auch eine fundamentale Botschaft, die die Apostel an Jesu Anhänger und die Gemeinden schrieben (Rom 12, 20; 1. Tes. 4,9). Auch aus christlichem Blickwinkel wird die Bedeutung von Brüdern und Schwestern breit gefasst. Brüder und Schwester sind nicht nur jede, die gleiche Religion, gleiche Ethnien oder eine gleiche Nationalität haben, sondern alle Menschen, denen es gilt, Aufmerksamkeit und Solidarität zu geben, auch wenn sie unterschiedlichen Ethnien oder Religionen entstammen (Lukas 10, 25-37).

Wahre Schwester- und Brüderlichkeit zu verwirklichen, ist Ziel der vielen interreligiösen Aktivitäten progressiver Gruppen in Indonesien. Darauf zielen ihre vielfältigen Aktivitäten auf vielen Ebenen ab. Interreligiöser Dialog bedeutet, dass wir uns um einander kümmern und einander annehmen müssen, wie Brüder und Schwestern.

Kleine Gesten können viel bewegen

Was die Pfarrer und Pfarrerinnen auf den Molukken und die katholischen Nonnen in Java für ihre muslimischen Freunde und Mitbürger getan haben, sind einzelne, sehr positive Beispiele, wie man die interreligiösen Beziehungen mit unterschiedlichen Methoden in Indonesien verbessern kann. Man kann dem natürlich entgegenhalten, dass die hier gewählte Methode einfach, ja fast schon profan sei, aber diese Art und Weise ist sehr wichtig im indonesischen Kontext. Kann nicht manch kleine Geste mehr bewirken als ein umfangreiches und kompliziertes Konzept? Die gewählte Methode passt jedenfalls gut in den indonesischen Kontext und bietet gute Möglichkeiten, gerade während der aktuellen Beschränkungen in der Corona-Zeit:

In Indonesien mit seinen ca. 170 Millionen Bewohnern sind die sozialen Medien von hoher Bedeutung. Eine Studie zeigt, dass Indonesien weltweit die Nummer 3 in Sachen Internetverbreitung ist. Innerhalb des letzten Jahres stieg die Zahl der Internetnutzer um ganze 17% oder, anders gesagt, um 25,3 Millionen Nutzer. Im Internet werden zumeist die sozialen Medien besucht. YouTube steht dabei auf Platz eins. Gerade diese Plattform wird gerne von den Indonesiern genutzt, um Musik zu hören oder Videos herunterzuladen (zur Statistik). Das bedeutet, dass die Nutzung sozialer Medien zur Verbesserung interreligiöser Beziehungen ein sehr passendes Medium im Kontext der indonesischen Gesellschaft darstellt.

Online von Hoffnung und Respekt berichten

Obwohl die sozialen Medien reale Begegnungen nicht ersetzen können, sehen viele friedliebende Christen und Muslime Hoffnung in der Nutzung dieses Kommunikationswegs. Religiöse Konflikte gibt es auf vielen gesellschaftlichen Ebenen. Und zwar nicht nur im realen Leben, sondern auch in den Medien, ja, sie werden oft sogar auch hier geschaffen und verbreitet. Religiöse Extremisten oder radikale Gruppen verbreiten ihre anfeindenden Aussagen und Ansichten über die neuen Medien. Dabei wird eine gute Beziehung zwischen den Menschen verschiedener Religionen oft vergiftet und die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben.

Gerade deswegen ist es so wichtig, von den Aktivitäten der vielen religiös-progressiven Gruppen, die Zusammenleben und Respekt untereinander fördern, zu berichten. Dies ist als Bewegung gegen die Aktivitäten der Extremisten oder religiös extremistischen Gruppen, die die Gesellschaft Indonesiens spalten wollen, von großer Wichtigkeit.

 

Zur Person:
Pfarrerin Dr. Dyah Ayu Krismawati ist Leiterin der Region Asien und Vorstandsmitglied der Vereinten Evangelischen Mission. Die aus der GKJW-Kirche auf Java, Indonesien, kommende Theologin promovierte mit dem Schwerpunkt auf Missionstheologie an der Kirchlichen Hochschule (KiHo) Wuppertal/Bethel zum Thema „Reformdenken indonesischer Muslime in der era Reformasi – Religionswechsel und Religionsfreiheit im Denken von Gelehrten der Muhammadiyah und der Nahdlatul Ulama oder kurz: “Christlich-Islamischer Dialog am Beispiel Indonesiens“.

 

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