Hoffnung auf Frieden

Ein Beitrag von Pfarrerin Prof. Dr. h. c. Cornelia Füllkrug-Weitzel

Pfarrerin Prof. Dr. h. c. Cornelia Füllkrug-Weitzel Foto: Hermann Bredehorst/Brot für die Welt

In Nordost-Nigeria in Yola (Staat Adamawa) hat meine Hoffnung einen Tiefschlag erlitten. Ich habe in den fast 21 Jahren, in denen ich Chefin von Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe bin, in den Krisenregionen und Armutsgebieten der Welt Vieles gesehen. Ich musste die Folgen von Kriegen und Gewaltausbrüchen in vielen ihrer grausamen Formen und Facetten kennen lernen. Meine Gespräche mit traumatisierten Frauen, die schreckliche Formen von sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe durchlitten haben, gehören zum Furchtbarsten. Eine der Situationen, die mich am meisten berührt hat, war in Yola, weil die Lage der Gewaltopfer dort so verzweifelt und ihr Hass auf den Gegner Boko Haram so bodenlos waren. Die Aussichten auf ein Ende der Gewalt schienen so gering. Jedenfalls haben die jungen Frauen, denen das Pilgerteam für einen Gerechten Frieden des Ökumenischen Rates der Kirchen, mit dem ich unterwegs war, zunächst begegnete, nur Hoffnungslosigkeit vermittelt.

Wir sprachen mit zwei Dutzend junger Frauen, bzw. Mädchen, die von Boko Haram gekidnappt, Monate lang von verschiedenen Kämpfern wie Sklavinnen zu Arbeit und Sex gezwungen worden waren. Nach ihrer Flucht mussten sie erleben, dass ihre eigenen Familien, Dorfgemeinschaften und Kirchen sie nicht etwa freudig aufnahmen, sondern samt Kindern – teils mit Gewalt – ausstießen. Die Frauen waren eine Schande in ihren Augen und möglicherweise Spioninnen von Boko Haram. Monate einer Existenz auf der Straße, allein mit ihren Kindern, schutzlos, ohne Einkommen oder Unterstützung – weitere traumatisierende Gewalterfahrungen brachen über sie herein. Die Aussage einer Hochschwangeren dröhnt mir noch in den Ohren: „Ich hoffe, ich gebäre einen Jungen, damit er ein Kämpfer wird und mich eines Tages rächt. Er soll rasch wachsen, um seinen Vater umzubringen!“

Ein Neuanfang in Frieden und Versöhnung?

Wie kann man in Nigeria auf einen Neuanfang in Frieden und Versöhnung hoffen, wenn die Schmerzen und Wunden so groß sind? Und wenn zugleich die Chancen auf einen körperlichen und vor allem auch seelischen Heilungsprozess so gering sind? Niemand in Kirche und Gesellschaft Nigerias will das Leiden und den Schutz- und Heilungsbedarf dieser Frauen sehen und sich ihrer annehmen. Ihre Körper wurden von Boko Haram – wie von vielen Rebellengruppen und Soldaten in Gewaltkonflikten heutzutage – zum Schlachtfeld erklärt, auf dem es galt, die Ehre des Gegners zu zerstören. Wenn sie sie schon nicht schützen konnten, so glauben die Männer ihrer Familien, dieser Strategie ‚wenigstens‘ mit Abweisung der ‚Schande‘ durch ‚Tot-schweigen‘ der Opfer begegnen zu können. Denn für sie geht es um ihre Ehre und nicht das Wohlergehen der Frauen (und Kinder).

Diese systematische Geringschätzung des Wertes ihres Lebens ist der Beginn der Gewalt gegen Frauen. Und die Ohnmachtsgefühle, der Selbsthass oder Hass und die Rachegefühle der Frauen in Regionen mit Gewaltkonflikten – diese Folgen ihrer Traumata lähmen die Gesellschaft. Und sie berauben sie wichtiger Potentiale – nicht zuletzt im Friedens- und Entwicklungsprozess. Das gilt nicht nur für Nigeria, sondern auch für den Südsudan, Burundi, der DRC Kongo und viele andere Orte der Welt. Die Gewalterfahrungen von Frauen werden – unadressiert und ohne Heilung – die ganze Gesellschaft und die nächste Generation prägen. Sie werden den Hass, die Saat der Gewalt, weiter ausstreuen. Wie da noch auf Frieden hoffen?

Man kann Hoffnung nicht wie ein Programm planen

Hoffen – das kann man sich nicht als guten Vorsatz ‚vornehmen‘ und man Hoffnung auch nicht wie ein Programm planen. Und da hilft auch keine ‚Think positive‘-Selbsthypnose. Denn Hoffnung ist kein simpler Optimismus-Firnis, der schneller als Lack ab ist, wenn das Leben daran kratzt. Andere zu ermahnen, hoffnungsvoll zu sein, macht ebenso keinen Sinn. Erst recht nicht die Gewaltopfer, deren Empfinden von Gerechtigkeit und von Selbstwirksamkeit massiv untergraben wurde, in einem festgefahrenen Konflikt. Mit anderen Worten: man kann Hoffnung nicht erzwingen, nicht ‚machen‘. Sie ist etwas Lebendiges und wie ein Teig muss die Hoffnung auf Frieden ständig genährt und gepflegt werden. Hat sie nichts, was sie lebendig hält, trocknen Geist, Logik und Praxis der Gewalt sie wie ein Wüstenwind aus.

Zurück bleiben Ohnmacht, Resignation, Depression, Zynismus, Verzweiflung oder Hass und Rachegelüste. Das kann auch langjährigen Friedensaktivist*innen nach Jahrzehnten vergeblicher Bemühungen um friedliche Konfliktbearbeitung und Versöhnung passieren, wenn ihre Hoffnung keinen Zugang zu einer Quelle hat, die sie kontinuierlich nährt. Wie ein gut gepflegter Sauer- oder Hefeteig kann lebendige Hoffnung aber umgekehrt durch den Hoffnungsträger eine große Masse durchwirken und in Bewegung versetzen, lebendig machen. In den Leitlinien von Brot für die Welt haben wir das, was uns Hoffnung gibt, so beschrieben:

Gottes Geist stärkt uns täglich – gegen den Augenschein – in unserer Hoffnung, dass Menschen und Situationen sich verändern können. (…) Hoffnung ist eine starke Kraft gegen Ohnmacht und Resignation angesichts ungerechter und friedloser Weltverhältnisse. Und da sie sich auf Gott und nicht auf das eigene Handlungsvermögen richtet, wirkt sie zugleich als befreiende Entlastung. Weil unsere Hoffnung in der österlichen Gewissheit wurzelt, dass Gott Hass, Gewalt, Ungerechtigkeit und Tod schon überwunden hat, können ihr lebenszerstörende Kräfte in ihren unterschiedlichsten Gestalten keine Grenze mehr setzen.“

Die Ostergeschichte als Quelle für Hoffnung

Für mich ist die Ostergeschichte und sind die nachösterlichen Erfahrungen der Jünger Jesu die wichtigste Quelle für Hoffnung. Solche Hoffnung ist ganz und gar nicht billig. Sie lebt nicht davon, dass sie bittere Realitäten verdrängt oder leugnet. Das wäre Naivität und nicht Hoffnung. Im Geist des Apostels Paulus würde ich die christliche Hoffnung eher als ‚Naivität zweiten Grades‘ beschreiben: Sie sieht die Ursachen und die Folgen gewaltsamer Verhältnisse und Strukturen in ihrem ganzen Ausmaß. Und sie nimmt sie tiefernst – nämlich als Ausdruck von Sünde gegen Gott, die Gottes Sohn ans Kreuz gebracht hat. Und darum weiß sie, dass (nur) die Liebe und Gnade Gottes und seine lebensspendende Kraft der Auferstehung ihr Grund geben können.

Auch wenn nach menschlichem Ermessen keine Tür mehr offen ist, ein riesiger Stein vor dem Grab jeden Ausweg, jeden Weg ins Freie, in die Zukunft, versperrt, dürfen wir wissen: Gott hat ihn weggewälzt, von jetzt an kann er uns nicht mehr am Weg des Lebens und des Friedens hindern! Gott sei Dank sind Gewaltverhältnisse nicht mehr zementiert und Gewaltopfer können sich von dem, was sie im Grab fesseln will, befreien! Wir brauchen nicht weinend am Grab unserer Friedenshoffnungen zu verharren. Auf den Spuren Jesu, des Auferstandenen, geraten wir wieder in Bewegung – weg von dem, was unsere Seelen verdüstert und uns an Schreckensorten erstarren lassen will.

Dazu schenkt Gott uns immer neu seinen Geist, der diese andere Perspektive auf Gewalt und Tod und unsere Hoffnung auf eine Zukunft des Friedens lebendig hält und nährt. Er hilft uns zu erkennen, dass die sog. Macht und Kraft des Faktischen, nämlich endlos scheinender Gewaltspiralen, kein Schicksal, ‚fate‘, sondern ‚fake‘ ist. Er hilft uns, uns Hoffnung und Mut ‚an zu beten‘. Wir dürfen sie uns sogar im Abendmahl ‚an-trinken‘.

Am Friedensengagement festhalten

Weil es für Gott keine ‚aussichtslosen Fälle‘ gibt, also niemanden, der nicht umkehren könnte von Hass und abkehren von Gewalt, und weil es für Gott auch keine ‚aussichtslosen Situationen‘ gibt, die er nicht wenden könnte, gibt es auch für uns keine ‚aussichtslosen Situationen‘. Wir betrachten keinen Menschen, kein Land und kein Fleckchen Erde als gottverlassen. Jede Situation ist es wert, sich im Vertrauen auf Gott für die Überwindung von Gewalt, für Frieden und Versöhnung zu engagieren. Jedem Menschen traut Gott zu, von der Logik der Gewalt abzukehren und jedem Gewaltopfer spricht er Heilung, Wiederaufrichtung und ein Leben in Fülle zu.

Trotzdem ist es in der Praxis nicht leicht, unerschrocken und unermüdlich hoffnungsvoll am Friedensengagement festzuhalten. Aber Gott begleitet, orientiert und stärkt uns dabei. Sein Engel hat die Frauen vom Grab weg in eine lebensvolle Zukunft gewiesen. Manchmal helfen Engel auch uns, den ersten Schritt vom Grab weg zu tun, sich auf den Weg zum Leben machen. Und – wie die Jünger auf dem Weg nach Emmaus – müssen wir ihn nicht alleine auf zitternden Beinen wanken. Wir sind gemeinsam miteinander unterwegs und wir dürfen hoffen, dass in Gebet, beim Weinen, Sprechen und Gehen miteinander und nicht zuletzt beim Friedensmahl der Auferstandene, der Lebendige, unerwartet und unerkannt mitten unter uns ist.

Ein Weg in neues Leben

Einer Gruppe von Mädchen im Nordosten Nigerias hat ein Engel einen Weg in neues Leben geöffnet: Eine Theologin, von ihrer Kirche nie ordiniert und kaum wahrgenommen, war sensibel für das Schicksal dieser unsichtbar gemachten jungen Frauen. Ohne Geld noch Plan, ohne irgendeine Form der Unterstützung durch die Kirchen, aber mit Gottvertrauen und getrieben von seinem Geist, hat sie schwangere Mädchen und junge Frauen, die Boko Haram entsprungen waren, samt ihren Kindern von den Straßen aufgelesen. In einem leer stehenden Haus hat sie ihnen Ruhe und Sicherheit, medizinische Betreuung und Nahrung für Körper und Seele gegeben. Einzel- und Gruppengesprächen haben den Frauen geholfen, ihren Selbsthass und den Hass auf ihre Täter zu überwinden und auf einmal entdeckten die meisten doch wieder einen Weg in die Zukunft. Das blieb nicht unbemerkt und hat einerseits Drohungen gegen sie, andererseits Spenden für das Haus nach sich gezogen, was zusätzliche Angebote für Ausbildungs- und Einkommensmöglichkeiten ermöglichte. Den Drohungen folgte auch Gewalt gegen sie selbst, aber ihr Glaube und die ‚Heilungs’erfolge der Mädchen haben ihr immer wieder Kraft gegeben.

Die eingangs erwähnte Begegnung mit ca. 30 jungen Mädchen war auf Wunsch des ökumenischen Pilgerteams vom Interreligiösen Zentrum International Centre for Inter-faith Peace and Harmony (ICIPH) organisiert worden. Die Leiterinnen der Frauenarbeit des Nationalen Kirchenrates Nigerias und der Dachverband der nigerianischen muslimischen Gemeinschaft Jama’atu Nasirl Islam (JNI) hatten die Frauen, die einander zuvor nie begegnet waren, eingeladen, mit uns zu sprechen. Als die Frauen – Musliminnen und Christinnen, Angehörige zweier Religionen, die in Nigeria dazu aufgestachelt werden, sich gegenseitig als Feinde zu sehen – berichteten, was ihnen widerfahren war, bemerkten sie plötzlich, dass sie dasselbe Schicksal teilten, mehr Gemeinsames hatten, als Trennendes. Es entstand Bewegung in der Gruppe und am Ende stand fest: wenn in beiden Religionsgruppen die Frauen am meisten leiden und gleichermaßen keine Unterstützung erfahren – wieso einander feindlich begegnen statt sich gegenseitig zu stärken? Die Frauen beschlossen, sich öfters zu treffen. Eine Brücke über die Gräben des Konfliktes war gebaut.

Der Sauerteig der Hoffnung

Als Pilgergruppe haben uns morgendliche biblische Meditationen, Lieder und Gebete als Gruppe unter sich, aber immer auch als Bestandteil jeder Begegnung, geholfen, bei Gott das Schwere, diesen Stein vor dem Grab, abzuladen, damit wir unbeschwert der Realitäten und unerschrocken wieder hoffen konnten.

Der Generalsekretär des Nationalen Kirchenrates Nigerias, der den Pilgerweg des ÖRK vor Ort organisiert und begleitet hat, bekannte am Ende, bis dahin nichts von den Schicksalen der jungen Frauen gehört oder geahnt zu haben. Die Kirchen hätten ihnen noch nie zugehört. Das wollte er anschließend ändern, den Frauen Stimme, Raum, Unterstützung in den Kirchen geben helfen.

Wo Brücken zwischen Menschen verschiedener Religionen, die einmal friedlich als Nachbarn miteinander gelebt hatten, dann abgebrochen waren, gebaut werden; wo Gräben der Verachtung durch Information, Aufklärung und ein entschiedenes und demonstratives Zusammenstehen der Kirchen mit den anderen Religionen zugeschüttet werden; wo Frauen über die Konfliktlinien hinweg als Alliierte entdecken; wo Kirchen anfangen, ihre shortcomings zu erkennen, Tabus zu lüften und die Leiden der Opfer von Gewalt besprechbar zu machen  – da beginnt der Sauerteig der Hoffnung zu wirken.

In Nigeria ist meine Hoffnung nicht zerbrochen. Sie hat nur eine weitere schwere Probe durchlaufen: meine Kenntnis der Grausamkeit von Menschen und der Ausmaße und Dynamiken von Gewalt, aber auch der Möglichkeiten, die Spirale zu durchbrechen, ist gewachsen. Vor allem aber mein Verständnis der Möglichkeiten der Kirchen, den Frieden zu stärken.

 

Zur Person:
Pfarrerin Prof. Dr. h. c. Cornelia Füllkrug-Weitzel (MA) leitet seit dem Jahr 2000 die evangelischen Hilfswerke Brot für die Welt und die Diakonie Katastrophenhilfe, zunächst als Direktorin, seit 2012 als Präsidentin. In diesem Jahr fusionierte das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu dem Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe gehörten, mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst zum neuen Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung e.V. (EWDE) mit Sitz in Berlin. Seit dem 1. Juli 2020 hat Cornelia Füllkrug-Weitzel den Vorstandsvorsitz des EWDE inne, den sie turnusmäßig vom Präsidenten der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, übernommen hat. Bevor die Theologin und Politologin zu Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe kam, hatte sie verschiedene Leitungsfunktionen beim Berliner Missionswerk inne, zuletzt von 1997 bis 1999 als stellvertretende Direktorin. Davor arbeitete sie als Referentin für Menschenrechte in der EKD und im Referat Leitung des Berliner Missionswerkes. Daneben hat sie über Jahre berufsbegleitend in Berlin Lehraufträge an der Freien Universität, der Humboldt Universität, der Kirchlichen Hochschule und dem Wichern Kolleg wahrgenommen.

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