Hoffnung als Bruch im Binären

Ein Beitrag von Dr. Friederike Erichsen-Wendt

 

Ein Beschreibungsversuch

Zusehen ist Pfarrerin Dr. Friederike Erichsen-Wendt
Pfarrerin Dr. Friederike Erichsen-Wendt Bild: Schauderna/medio.tv

Arbeitsauftrag „Hoffnung“. Seit einem knappen halben Jahr laufe ich mit dem großen Wort durch die Gegend. Analog, digital, in der Kirche und anderswo. Das dicke, dunkelblaue Suhrkamp-Taschenbuch ist mir als allererstes eingefallen: Anderthalbtausend Seiten. So viele Worte brauchte Ernst Bloch, um den dreams of a better life – so der ursprüngliche Titelvorschlag für das „Prinzip Hoffnung“ – auf die Spur zu kommen. Ich blättere durch meine abgewetzte Ausgabe und erinnere mich: an Hoffnung als Motivation, die Welt zu gestalten; an die Klarheit, von Hoffnung überzeugt zu sein; an die Zukunft, die ich schon jetzt in mir trüge. Jahrzehnte später, als ich beginne, mit dem Akzelerantismus zu liebäugeln, erinnere ich mich wieder daran. Vielleicht ist es kein Zufall, dass wir gerade in einer Zeit, in der die „Post“-Theorien fraglich und die „Meta“-Theorien erst vage wieder am Horizont erscheinen, auf Klassiker zurückgreifen.

Die theologische Antwort auf Blochs konkrete Utopie ist fürs 20. Jahrhundert geradezu kanonisch geworden und reicht mit seinen Konsequenzen etwa für eine Ökologische Theologie mitten in die Aktualitäten unserer Zeit: Jürgen Moltmanns „Theologie der Hoffnung“, die vom Römerbrief ausgehend Gott als zuerst Handelnden zur Grundannahme eines Neuentwurfs theologischen Denkens unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts machte.

Hoffnung muss in der Digitalisierung neu gedacht werden

Heute leben wir in einer Zeit, in der sich die Lesekultur demgegenüber grundlegend verändert hat. Die Kenntnis großer Referenzentwürfe löst kaum mehr Diskurse aus. Und neu gegenüber früheren Zeiten dürfte sein, dass dies auch selten erwartet wird. Zugleich sind die Fragestellungen, die mit dem Stichwort „Hoffnung“ aufgerufen sind, aktuell denn je.

In dieser Gemengelage kommen Geschichten ins Spiel: Hoffnungserfahrungen, die so stark sind, dass sie bis in mein Leben wirken und darüber gesellschaftlich relevant werden. Da kommen auch große Bilder ins Spiel, konkrete Visionen für eine Welt, von der Christ*innen glauben, dass sie dem Willen Gottes entspricht. Nun gelingt dieses Ins-Spiel-Bringen allerdings derzeit nicht, ohne die säkularen und digitalen Rezeptionsbedingungen zu berücksichtigen, ohne die dies gar nicht möglich ist. War die Säkularität die neue Herausforderung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so ist es derzeit vor allem die Digitalisierung, die neue theologische Formatierungen erzwingt, aber auch ermöglicht.

Der Doppelcharakter der Digitalisierung erfordert, auch Hoffnung auf mehreren Ebenen neu zu denken. Dabei geht es darum zu beschreiben, welchen Wert es hat, Leben und Geschichte als intendiert und zielgerichtet zu verstehen. Wo sind in binären Prozesslogiken die Lücken und Brüche, um Resonanzen aus dem, was erst noch sein wird, zu hören? Für mich haben sich in den letzten Wochen und Monaten verstärkt auch anthropologische Fragestellungen gestellt: Was ermutigt mich, „gut“ von Menschen zu denken, mit denen ich interagiere, ohne sie direkt wahrnehmen zu können?

Wirksame Hoffnung fordert heraus  

Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass viele Dinge viel offensichtlicher, viel klarer zu Tage getreten sind, als dies vorher der Fall war. Man kann von einer „Lupen“-Funktion sprechen oder auch von einem „Brennglas“. Dies betrifft auch die religiöse Kommunikation der Kirche sowie die Kommunikation kirchlicher Formen unter digitalisierten Bedingungen. Man könnte geneigt sein, dies als Errungenschaft zu deuten. Immerhin wird Kirche als Institution selbstverständlich als gesellschaftlicher Player angesehen, für den ein Regelungsbedarf angesichts der pandemischen Situation zu formulieren ist.

Was „Hoffnung“ angeht, offenbart sich aber nicht nur – bestenfalls – eine hektische theologische Suchbewegung, sondern ergibt sich eine weitergehende Herausforderung: Hoffnung reagiert resonant auf Ahnungen, auf Lebensentwürfe, auf Bilder des guten Lebens. Dinge, die uns entzogen sind, schüren unter pandemischen Bedingungen eher Ängste, als dass sie ein kreatives Transzendenzbewusstsein nähren. Hoffnung, die wirksam auf Ängste reagiert, muss ich argumentativ ausweisen, um nicht als billige Vertröstung abgetan zu werden. Das ist vor allem für die eine große Herausforderung, für die „Hoffnung“ zum selbstverständlichen Wortschatz gehört.

Demnach genügt es weder, bekannte Formen einfach „digital zu übersetzen“ noch reicht es allein aus, Echokammern religiöser Codes zu pflegen. In der digitalen Kommunikation theologischer Grundüberzeugungen haben wir es also zunächst mit der Frage zu tun, wie wirksame Formen gefunden werden, sodann geht es darum, motivierende Echokulturen zu pflegen, um von dort herausgehend schließlich Kommunikationsversuche ins Offene hinein zu wagen.

 Hoffnung macht das scheinbar Abgeschlossene fraglich

Praktizierende Christinnen und Christen gehen auf Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag, auf Allerseelen und Allerheiligen zu. Gerade hier scheint der Zusammenhang zwischen Hoffnungsbewusstsein und einem „Danach“, einem „Darüberhinaus“ des menschlichen Lebens besonders eng zu sein. Nimmt man dies ernst, ist plötzlich nicht mehr die unsichere Situation unserer Gegenwart das Erstaunliche und das, was begründet werden muss, sondern alles, was sich „fertig“ und „abgeschlossen“ präsentiert, wird fraglich. Hier diskursiv einzuzeichnen, was Christenmenschen von Gott glauben, hielte ich für einen angemessenen Hoffnungsdiskurs in christlicher Perspektive. Der Umstand selbst macht es da vergleichsweise leicht: „Hoffnung“ ist im allgemeinen Sprachgebrauch fest verankert und nicht primär religiös konnotiert. Sie bezieht sich auf den Grund einer Offenheit des menschlichen Lebens „nach vorne“, der nicht näher aufgedeckt oder beschrieben werden kann.

#hoffnunghamstern

Haben wir in den vergangenen Monaten hinreichend wahrgenommen, dass „Hoffnung“ in den gesellschaftsprägenden Diskursen unserer Zeit zum Trendbegriff avancierte?

#hoffnunghamstern ist offensichtlich auch für die plausibel, die ihr zunächst nur intuitiv zustimmen. Das ist schon mal eine gute Nachricht für all jene, die den religiösen Institutionen unserer Gesellschaft vor allem aus Konvention angehören: Es wird so leicht, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Verdichtete Beschreibungen von #hoffnung sind etwa [1]:

„kein Vertrauen, dessen man sich sicher sein oder über das man großspurig verfügen kann, das uns aber an die Hand nimmt, wenn man sie ausstreckt?“

 „dass ich gute Momente einwecken kann und bei Notwendigkeit aufmachen und was draus naschen.“

 „mach es wie Frederik und sammele Farben für den Winter“

 „Ich male mir mit Menschen zusammen Vorstellungen davon aus, wie es sein wird, wenn wir aus unseren Häusern kommen und feiern werden. Dann flimmert die Vorfreude schon auf der Zunge.“

 „Ideen für die Zeit danach. Festhalten, aufschreiben.“

Die Sprachformen digitaler Welten schaffen insbesondere für diejenigen theologischen Ansätze gute Anknüpfungspunkte, die mit einer engen Verknüpfung des Gehaltes ihrer Theologie mit der Alltagspraxis von Menschen rechnen. Das ist insofern erstaunlich, als man meinen könnte, dass sich deduktive Theologien viel einfacher kommunizieren lassen, weil sie über ein eigenes Sprachvokabular verfügen. Dies gilt jedoch nur (wenn überhaupt!) im binnenkirchlichen Raum. Gesamtgesellschaftlich ist auch geboten, theologische Rede in die Formen ihrer Zeit zu transformieren.

In digitalen Zusammenhängen sprachfähig werden

Digitale Sprache ist oft aphoristisch. Sie ist konzise und komprimiert Wissen, das aus Erfahrungen abgeleitet ist. Kontraintuition schafft eine Form von Aufmerksamkeit, die gerade unter digitalen Lesebedingungen ein hohes Gut ist. „Tl; dr“ [2] zu posten ist etwas, an dem kaum noch jemand Anstoß nimmt. In digitalen Zusammenhängen geht es offensichtlich weniger darum, Texte wirklich (Wort für Wort) zu lesen, sondern darum, nach Stichworten und Verbindungen zu suchen.

Eine mögliche Spur, in digitalen Zusammenhängen sprachfähig zu sein, könnte demnach in der religiösen Spruchweisheit gefunden werden, die als einer der Vorläufer des modernen Aphorismus gilt. Avancierten kleine Formen in Zeitaltern der Trennung von Kunst und gesellschaftlichem Leben eher zu einer Art zweckfreiem Zeitvertreib, nehmen sie auf Plattformen wie Instagram und Twitter erneut programmatische Züge an. Damit ist zum einen die Relevanz für die Lebenspraxis beschrieben, zum anderen aber auch der Umstand, dass die Textform so niedrigschwellig ist, dass jede*r für sich oder auch kollaborativ zur Autorin werden kann. Aphoristisches Texten wird so leichter zu einer Alltagspraxis.

Es ist zu vermuten, dass theologische Texte, die auf diese Art und Weise entstehen, eine Nähe zum Deutungs- und Ereignischarakter der erlebten Wirklichkeit haben, weil sie schon aus formalen Gründen erzwingen, sich auf sie zu beziehen.

Wie lässt sich die Gegenwart dann so beschreiben, dass sich Ausstehendes, Erhofftes rekursiv in sie einschreibt? Was sind die spezifisch christlichen Bildgehalte, für die das derzeitige Erleben damit durchsichtig wird? Welche Haltung zeigt sich bei Menschen, die nicht anders leben können, als das Unmittelbare als nicht vollständig bestimmbar zu beschreiben? Plötzlich sind andere Akteure als ich selbst im Spiel. Christinnen und Christen leben aus der Überzeugung, dass derjenige, der zuerst am Werke war und ist, alles bestimmende Wirklichkeit ist und damit auch digitale Ereignisspuren hinterlässt, die durch Sprache deutend eingeholt werden können. Deshalb sollte in digitalen Räumen wie andernorts auch angemessen davon geredet werden. „Hoffnung“ bleibt ein Arbeitsauftrag.

[1] Antworten via den Kurznachrichtendienst Twitter auf die Frage: „#Hoffnunghamstern – was hamstern wir da eigentlich?“, Antworten vom 22. März 2020.
[2] tl;dr“ ist eine Abkürzung für den Ausdruck „too long; didn’t read“: „das ist zu lang, ich habe es nicht gelesen“.

 

Zur Person:
Dr. Friederike Erichsen-Wendt ist evangelische Theologin und akademisch ausgewiesen in neutestamentlicher Theologie, mit Nebenschauplätzen in antiker Philosophie und Ikonographie; Studium der Erwachsenenbildung sowie Weiterbildungsstudium Innovationsmanagement. Forschungsschwerpunkt ist gegenwärtig im Bereich Fundamentalhomiletik, Arbeitsbereiche sind hauptsächlich Pastoraltheologie und Kirchentheorie. Sie war zehn Jahre Gemeindepfarrerin im Rhein-Main-Gebiet, ausgebildet zur Mediatorin, in Gottesdienstberatung, Coaching, Predigtcoaching. Dr. Friederike Erichsen-Wendt arbeitet derzeit als Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar.

 

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