Gemeinsam hoffen

Ein Beitrag von Dr. Frank Vogelsang

Dr. Frank Vogelsang. Foto: Andrea Zmrzlak

Die Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi von den Toten ist zentral in der christlichen Verkündigung. Doch so wichtig die Auferstehung auch ist, so vorsichtig nähern sich die biblischen Texte diesem Geschehen. Allen ist klar: Hier hat sich etwas ereignet, in dem sich Gott unmittelbar zeigt. Das menschliche Verstehen gerät an seine Grenzen. Die biblischen Autoren ringen nach Worten, um zum Ausdruck zu bringen, was im geläufigen Alltagsverständnis unfassbar ist. Entsprechend variantenreich sind die Beschreibungen dieses wirklichkeitsverändernden Geschehens. Es ist deshalb nicht zu erwarten, dass die christliche Theologie ein gutes, schlüssiges und vor allem verständliches Konzept für die Deutung der Auferstehung liefern kann. Man muss sich und kann sich dieser Grundaussage christlichen Glaubens aber auf immer wieder neue Weise annähern.

Die Auferstehungshoffnung führt zusammen

Ich möchte hier einen Aspekt der Auferstehung besonders hervorheben: Die Auferstehung Christi ist der eigentliche Grund christlicher Hoffnung, einer Hoffnung, die sich gerade in der christlichen Gemeinschaft vermittelt. Der Träger der christlichen Auferstehungshoffnung ist die Gemeinschaft, das Wir, nicht die oder der Einzelne. Die Auferstehungshoffnung vereinzelt nicht, sondern führt zusammen.

Zwei häufig diskutierte Fragen zur Auferstehung verlieren durch die Betonung des Aspekts der Hoffnung in Gemeinschaft an Brisanz: Die Frage nach dem leeren Grab und die Frage nach der persönlichen Auferstehung. Die Fragen bleiben bedeutend und sie bleiben rätselhaft. Aber wenn man sie allein in den Mittelpunkt stellt, geht ein entscheidender Aspekt aus der biblischen Rede von der Auferstehung verloren: Die Auferstehung Jesu Christi zeigt sich in einer gemeinsam geteilten Hoffnung.

Denn beide Fragen legen nah, dass die Auferstehung etwas ist, was zunächst einmal dem einzelnen Menschen gilt. Dann könnte die Auferstehung so etwas wie eine christliche Variante des Jungbrunnens sein, den Lucas Cranach gemalt hat. Auf der rechten Seite kommen alte Gestalten, sie waten unabhängig voneinander durch den Teich in der Mitte des Bildes und verlassen ihn deutlich verjüngt auf der linken Seite. Ist die Auferstehung also so etwas wie ein dem Tod nachgeschalteter Transformationsprozess, die jeden Menschen einzeln betrifft? Dann aber wäre die Auferstehung eigentlich erst nach dem Tod relevant und würde sich für jeden Menschen anders zeigen.

Die Hoffnung auf die christliche Auferstehung transformiert aber schon in diesem Leben die Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger Jesu. Auferstehung zielt eben nicht allein auf die Wandlung jedes Einzelnen nach dem Tod, vielmehr ist sie eine Erfahrung, die schon die christliche Gemeinschaft vor dem Tod prägt. Sie schafft Hoffnung auf eine Zukunft in einer Gemeinschaft mit Gott. In der Hoffnung aber beginnt die Gemeinschaft und damit die Wirklichkeit der Auferstehung schon jetzt.

Die Auferstehung bei Lukas

Der Evangelist Lukas inszeniert die Erkenntnis der Auferstehung auf eine eigentümliche Weise: Eine erste Verkündigung der Auferstehung Jesu durch den Engel an die Frauen am Grab führt im Kreis der Jünger erst einmal zu Verwirrung und Unverständnis. Petrus macht sich auf den Weg, um selbst nachzuschauen. Doch bevor die Jünger endlich überzeugt sind und Lukas jene Formel präsentiert, die nach den Exegeten zu den ältesten Aussagen der Auferstehungsgewissheit gehört („Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen.“ Lk 24,34), baut er die Geschichte von den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus ein. Die treffen bekanntlich den Auferstandenen, erkennen ihn aber auch erst einmal nicht. Der erklärt den Verunsicherten mit Hilfe der Texte der hebräischen Bibel im Detail, warum er gekreuzigt werden musste, warum er starb. Aber auch das hilft nicht, die Jünger erkennen ihn immer noch nicht.

Die Gemeinschaft im Mahl ermöglicht ein Verständnis der Auferstehung

Der Glaube an die Auferstehung ist offenkundig kein kognitives Problem, keines, was man durch Theorien beherrschen könnte. Aber dann setzen sie sich mit dem Unbekannten am Abend zu einer gemeinsamen Mahlzeit zusammen. „Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab‘s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn….“ (Lk 24,30f)  Erst diese Gemeinschaft im Mahl ermöglicht ein Verständnis der Auferstehung! Erst danach stimmen sie in das Lob der Auferstehung ein. Die Erfahrung und die Hoffnung der Auferstehung sind eng verbunden mit der Gemeinschaft derer, die Jesus folgen, und der Gewissheit, dass der Auferstandene in dieser Gemeinschaft gegenwärtig ist.

Die Auferstehung bei Paulus

Auch für Paulus ist der Gemeinschaftsaspekt für das Verständnis der Auferstehung zentral. Paulus stellt die leibliche Auferstehung in den Mittelpunkt. Doch was versteht er unter der Auferstehung des Leibes? Der Leib ist auf keinen Fall einfach mit dem materiellen Körper gleichzusetzen, den nennt Paulus eher „sarx“, also Fleisch. Paulus betont die geistliche Qualität des Leibes, die Auferstehung erfasst den „geistlichen Leib“ (1. Kor 15,44). Der Leib kennzeichnet vor allem die menschliche Gemeinschaftsfähigkeit. Deshalb kann er auch die christliche Gemeinde als „Leib Christi“ beschreiben (1. Kor 12,12ff). Der Leib zeigt, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist, dass er auf Beziehung zu Gott und auf die Beziehung zu seinen Nächsten ausgerichtet ist.

Hoffnung ist verbunden mit einem „Wir“

Die Auferstehung ist der letztgültige Sieg über den Tod, also über die Begrenzung von Leben und der Bedrohung aller Sinnerfahrungen (1. Kor 55-57) Wie aber können wir das erfahren? Die Hoffnung der Auferstehung ist bei Paulus fast immer mit einem „Wir“ verbunden, sie bezieht sich auf die Gemeinschaft der an Christus Glaubenden, so, wie die Auferstehung die Gemeinschaft in Christus schafft. Wir erfahren den Sieg über den Tod schon in diesem Leben durch die gemeinsame Hoffnung, durch Hoffnung in Gemeinschaft. „Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. (…) Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.“ (Röm 8, 24.25)

Christliche Hoffnung gründet mitten in dem Diesseits

So ist es die christliche Gemeinschaft, die die Hoffnung auf Auferstehung trägt und ihr eine Gestalt gibt. Die christliche Hoffnung ist nicht eine Vertröstung auf ein Jenseits unter Absehung des Diesseits. Die christliche Hoffnung gründet mitten in dem Diesseits, in der diesseitigen Existenz der christlichen Gemeinde. Dietrich Bonhoeffer hat für dieses Verhältnis eine sehr zugespitzte Formulierung gefunden: Jesus Christus – der Auferstandene – als Gemeinde existierend.

Ist das aber nicht eine maßlose Überhöhung einer realen kirchlichen Gemeinde, wie sie sich heute zeigt? Nein, das ist es nicht, schon zur Zeit des Paulus waren die Gemeinden alles andere als Leuchten und Vorbilder menschlicher Gemeinschaft. Es gab Streit, Zerwürfnisse, die Briefe des Paulus sind voll davon. Die Hoffnung der Auferstehung ist nicht abhängig von einer vorbildlichen Gemeinschaft und auch nicht von vorbildlichen Menschen. Sie erwächst aus einer grundlegenden Erfahrung von Verbundenheit, die auf die Gemeinschaft mit Gott weist. Wenn Menschen im Abendmahl das Brot brechen und anderen geben, gestalten sie nicht nur eine konkrete Mahlgemeinschaft. Sie machen auch die Gemeinschaft auf die Gemeinschaft mit Gott hin transparent, sie machen diese Gemeinschaft erfahrbar, so wie es die Jünger auf dem Weg nach Emmaus erfahren haben.

So ist auch die christliche Hoffnung auf die Auferstehung eine gemeinschaftliche Erfahrung. Die Hoffnung ist weder passiv noch zieht sie sich zur Pflege der Selbstgewissheit aus der Welt zurück. Das bringt schließlich auch der Hebräerbrief zum Ausdruck: „Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; und lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“ (Hebr 10,23f)

Hoffnung heute

Wie also finden wir heute, in der Moderne, einen Zugang zu dem für uns so sperrigen Thema der Auferstehung? Lasst uns gemeinsam hoffen und uns gegenseitig in dieser Hoffnung bestärken! In und durch die gemeinsame Hoffnung kann deutlich werden, was unter Auferstehung zu verstehen ist, so wie die Emmaus-Jünger erst den Auferstandenen in der Mahlgemeinschaft erkannten. Die Hoffnung auf die Auferstehung ist keine billige Vertröstung auf ein Jenseits, sondern sie ist in der Gemeinschaft als Kraft der Gegenwart erfahrbar.

Nun steht aber ein zentrales Bild der christlichen Tradition in Spannung zu dem Gesagten: Ist die Auferstehung nicht zunächst einmal eine Auferstehung zum Gericht? Und ist dieses Gericht nicht notwendigerweise individualisierend, weil jede und jeder gerichtet wird nach ihren bzw. nach seinen Taten? Die christliche Botschaft umfasst tatsächlich beides, Gericht und Gnade. Die Auferstehung ist nicht einfach das Happy End eines leider doch oft sehr tragischen irdischen Geschehens. Man kann nicht von der Gnade reden, ohne von dem Gericht zu reden und umgekehrt, man kann nicht von dem Gericht reden, ohne von der Gnade zu reden. Es kommt aber sehr darauf an, in welches Verhältnis man beide zueinander stellt.

In der hochmittelalterlichen Theologie stand ganz klar das Gericht im Vordergrund, es ging um die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott, so dass ich im Gericht bestehen kann? Doch spätestens mit der Reformation entstand die Erkenntnis, dass die Gnadenzusage die Gerichtsandrohung weit übersteigt. Die Gnade aber gibt es ohne Vorbedingung, sie wird von Gott „umsonst“ gegeben. So gilt beides, aber in einer unterschiedlichen Gewichtung: Das Gericht ist wichtig, weil es nicht einfach die Geschehnisse vergessen macht. Aber das Gericht ist der Durchgang zur Gnade, an der alle Anteil haben können. Und Gott wird abwischen alle Tränen. Das ist die Hoffnung der Auferstehung, die die christliche Gemeinde vereint und aus der sie lebt.

 

Zur Person:
Dr. Frank Vogelsang ist Diplom-Ingenieur und evangelischer Theologe. Seit 2002 ist an der Evangelischen Akademie im Rheinland tätig, zunächst als Studienleiter, seit 2005 als Direktor der Akademie. Sein Arbeitsschwerpunkt ist der Dialog zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften im Allgemeinen, der Theologie im Besonderen, sowie Fragen der Ethik im Bereich von Wissenschaft und Technik. Aktuell befasst sich Dr. Vogelsang insbesondere mit Formen der menschenlichen Verbundenheit.

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