Der Riss zwischen dem Eigenen und dem Fremden

Gedanken zum Buß- und Bettag 2020

Heute, am 18. November 2020, begeht die evangelische Kirche wieder den Buß- und Bettag. Der länderübergreifende Buß- und Bettag liegt seit dem 19. Jahrhundert in der Woche vor dem Totensonntag. Wessen wird an dem Buß- und Bettag gedacht?

Sünde und Buße: heute fremde Worte
Der Tag bietet eine Gelegenheit, dass alle Mitglieder der Kirche der begangenen Sünden gedenken, und er ruft zu einer gemeinsamen Bußzeit auf. Das sind heute fremde Worte: Sünde? Buße? Die allermeisten Zeitgenossen können mit den Begriffen nicht viel anfangen. Die Entfremdung von der Sünde hat vor allem im 20. Jahrhundert stattgefunden, aber hat ihre Wurzeln schon im 19. Jahrhundert. Ein Mensch, der sich als selbstbestimmt und selbsttätig erlebt, kann in sein Selbstbild den Begriff „Sünde“ kaum integrieren. Dementsprechend wird auch der Begriff der Buße sinnlos, denn wo keine Sünde ist, da macht auch die Buße keinen Sinn. Der ehemalige Feiertag ist in der gelebten kirchlichen Wirklichkeit nahezu verschwunden und in den 90er Jahren mit der Einführung der Pflegeversicherung als staatlicher Feiertag aufgegeben worden.

Sünde – aus unseren Alltagsvorstellungen verschwunden
Die Entfremdung spiegelt sich auch im Alltagsverständnis. Das Wort „Sünde“ hat dort keine sinnvolle Verwendung mehr. Was ist Sünde? Ist Sünde sexuell zu verstehen? Geht es um die kleinen, kleinlichen Übertretungen, darum, einmal die Unwahrheit gesagt zu haben, sich etwas  zum eigenen Vorteil angeeignet zu haben? Aber tun das nicht auf gewisse Weise alle? Wenn das Verständnis der Sünde aber aus dem Alltag verschwindet, dann gibt es im kirchlichen Selbstverständnis keinen Anknüpfungspunkt mehr. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass die wenigsten Menschen noch etwas mit dem Buß- und Bettag anfangen können. Der Tag erscheint antiquiert, aus der Zeit gefallen.

Doch hängt alles an einem bestimmten, reduzierten Verständnis von Sünde. Ist mit Sünde wirklich die Übertretung von sittlichen Regeln gemeint, das Abseitige der bürgerlichen Gesellschaft? Sind die „sündigen“ Viertel einer Stadt die Rotlichtviertel? Sind die Vorstädte und die Bürohäuser dagegen Orte des anständigen Lebens und der anständigen Arbeit?

Trotzdem: Sünde kann man nicht ausmerzen
Tatsächlich geht uns die Rede von der Sünde aber alle an. Wir Menschen sind uns selbst nicht vollständig transparent. Es gibt immer Anteile in uns selbst, die uns verstören, die uns irritieren. Gerne wären wir sie los. Gerne könnten wir sagen, dass wir diese dunklen Seiten unseres Selbst losgeworden sind. Doch viele biblische Texte und auch menschliche Erfahrungen zeigen, wie dialektisch, wie schwer zu fassen diese dunkle Seite von uns ist. Gerade dann, wenn wir meinen, sie überwunden zu haben, meldet sie sich in veränderter Gestalt. Die wichtigsten Erkenntnis von Sünde ist: Sünde kann man nicht ausmerzen. Dazu verhilft kein bürgerliches und auch kein religiöses Wohlverhalten.

Verstörend: Wir sind nie die, die wir sein wollen
Der Reformator Martin Luther hat das wie kein anderer erkannt. Der Mensch ist sündig und deshalb erlösungsbedürftig. In einer Zeit, in der die Selbstbestimmung und der Hang zur moralischen Orientierung eine so zentrale Rolle spielen, ist diese Aussage sperrig. Wenn man die moralischen Regeln berücksichtigt, warum kann man dann nicht gut sein? Dagegen stehen zentrale biblische Zeugnisse: Der Mensch bleibt dennoch auf die Vergebung Gottes angewiesen. Wir sind nie die, die wir sein wollen. Wir ignorieren oder unterdrücken dann jene Anteile, die auch da sind, die auch zu uns gehören, auch wenn sie den moralischen Vorgaben nicht genügen. Deshalb lohnt es sich von der Sünde zu reden. In einem säkularen Zusammenhang hat der Philosoph Bernhard Waldenfels diesen ständigen Zwiespalt als den Riss zwischen dem Eigenen und dem Fremden bezeichnet. Wir sind nie nur beim Eigenen, wir entdecken in uns immer auch Fremdes, Verstörendes.

… und wir haben trotz allem Bemühen die Welt nicht im Griff
Was aber kann dann der  Buß- und Bettag beitragen, um mit den Verhältnissen der Intransparenz umzugehen? Er weist auf Gott, den Gott der Vergebung. Der Buß- und Bettag zeigt, dass wir auf Gott angewiesen sind, wenn wir von der Sünde befreit werden wollen. Wir können nicht aus eigener Kraft das Fremde in uns beseitigen. Der Buß- und Bettag ist so ein Tag, der uns unsere eigenen Grenzen vor Augen führt. Wir können viel, aber wir bleiben im Letzten dennoch auf Gott angewiesen. In früheren Zeiten sind Buß- und Bettage gerade in Zeiten gehalten worden, in denen das besonders deutlich wurde, in Zeiten großer Krankheiten, Seuchen oder Kriege. Die kollektive Buße machte deutlich, dass alle miteinander nicht in der Lage sind, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Buße vor Gott zu tun bedeutet genau das: sich einzugestehen, dass unsere Kräfte endlich sind, dass bei allem Bemühen wir nicht die Verhältnisse der Welt im Griff haben.

Sünde ist mehr als eine moralische Verfehlung
Wer Sünde im reduzierten Sinne einer moralischen Verfehlung versteht, kann über das Ansinnen eines kirchenweiten Buß- und Bettages nur ratlos die Achseln zucken. Deshalb ist es wichtig, darüber aufzuklären, was theologisch unter Sünde verstanden wird. Pünktlich zu dem Buß- und Bettag 2020 hat die Evangelische Kirche in Deutschland eine Grundlagentext zu Schuld und Sünde veröffentlicht. Dieser eher akademisch gehaltene Text wird ergänzt von einer Veröffentlichung von 15 Thesen, die den Text begleiten und erläutern. Schon die ersten Sätze, die in die 15 Thesen einleiten, setzen sich deutlich von dem obigen Verständnis von Sünde ab: „Sünde betrifft uns alle. Ihre Wirkungen und Folgen beschädigen und zerstören unser Leben.“

Aber: „Die evangelische Rede von der Sünde zielt auf die Freiheit“
Eine so verstandene Buße stabilisiert nicht ein verstaubtes Verständnis des Menschen, eine biedermeierliche Moral oder ähnliches. Eine solchermaßen verstandene Buße befreit zu einem neuen, einem erneuerten Leben, weil ihr die Erkenntnis voraus geht, dass Menschen aus einer Kraft leben, die sie nicht sich selbst verdanken. Denn „die evangelische Rede von der Sünde zielt auf Freiheit.“ (Der  Ratsvorsitzende der Evangelische Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm,  in der Einleitung zum obigen Grundlagentext).