Das Netz: ein umstrittener Raum menschlichen Zusammenlebens

Porträt von Dr. Frederike van Oorschot
Dr. Frederike van Oorschot. Foto: privat

Ein Impuls von Dr. Frederike van Oorschot

Digitale Gemeinschaft erlebe ich heute mehr als je zuvor: Menschen kommen digital zusammen, um gemeinsam Kirche zu sein: Zusammen zu sein, Sorgen teilen, füreinander beten, Erfahrungen austauschen. Eben: um Gemeinschaft zu leben.

Weltweite Kirche – auch im Netz
Wie die weltweite Kirche im Geist über Zeit und Raum miteinander verbunden ist, spiegeln digitale Medien in aller Deutlichkeit: Man kennt sich vielleicht kaum (vielleicht hat man sich kohlenstofflich noch nie getroffen – oder ist über ein Nicken von Kirchenbank zu Kirchenbank nie hinaus gekommen) und doch verbunden. Räumlich getrennt und doch gemeinsam in der Feier des Gottesdienstes, dem Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden oder der Hilfe am Nächsten. Diese Formen verbinden sich für mich mit den Treffen vor Ort im kleinen Kreis und zeigen mir so: Die Verbindung zur Gemeinde Gottes überwindet menschliche Grenzen.

Gemeinschaft im Digitalen ist ein Netzwerk mit eigenen Regeln
Gemeinschaft im Digitalen funktioniert als Netzwerk: Viele Menschen können über wenige Schritte mit anderen in Kontakt treten, können sich äußern, streiten, Meinungsführer werden oder nicht gehört werden. Vieles an diesen Strukturen ist ähnlich zum analogen – und vieles sehr anders.

  • Wird gehört, wer viele Clicks erzeugt oder auf der Kanzel steht?
  • Wird gesehen, wer sich oft zeigt oder medial in den Vordergrund gestellt wird?
  • Wird gemacht, was Menschen überzeugt oder was angeordnet wird?

Der digitale Raum ist ein umstrittener Lebenraum menschlichen Zusammenlebens
So kommt es im Digitalen zu neuen Formen des Priestertums aller Glaubenden, zu Beteiligung, Teilhabe und unkomplizierter Interaktion. Usergemeinschaften haben Macht zu hören, zu deuten, zu voten, zu liken. Zugleich sind auch diese scheinbar egalitären Formen von digitaler Gemeinschaft von Machtstrukturen geprägt, explizit und implizit. Hatespeech und Diskriminierung sind nur die sichtbaren Spitzen des Eisbergs digitaler Ungleichheit. Der digitale Raum ist nicht das „gelobte Land“ gleichberechtigter Teilhabe, sondern ein umstrittener, gefährdeter Lebensraum menschlichen Zusammenlebens.

Zur Person:
Die evangelische Theologin Dr. Frederike van Oorschot ist Leiterin des Arbeitsbereichs Religion, Recht und Kultur an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) und forscht über digitalen Wandel in Theologie und Gesellschaft.