Füreinander hoffen

Ein Beitrag von Landesbischof Friedrich Kramer

 

Hoffnungslos – Hoffnung los!

Zusehen ist Landesbischof Friedrich Kramer Foto: Anne Hornemann
Landesbischof Friedrich Kramer. Foto: Anne Hornemann

Mitte der 1980er Jahre waren in meinem Berlin die Häuser so grau und kaputt, dass die auf ihnen prangenden Parteiparolen nur als Karikatur ihrer selbst wahrgenommen wurden. „Mit Optimismus gehen wir in die Zukunft.“ Noch immer waren längst nicht alle Kriegseinschüsse beseitigt; nur das Erdgeschoss war gestrichen und geputzt, damit die vorbeifahrenden SED-Funktionäre den Eindruck hatten: Es geht aufwärts. Anstatt die Altstädte zu restaurieren, planierte man sie. Im Winter war die rußige, industriestaubgesättigte Luft zum Schneiden. In Schüler- und Studentenkreisen lasen wir die Umweltbriefe des Wittenberger Forschungsheimes und die darin abgedruckten Texte des Club of Rome. Uns war klar, wie hoffnungslos die ökologische Lage war. Gab es hier in der sozialistischen DDR noch irgendetwas zu retten? Es war eine hoffnungslose Zeit. Wir diskutierten über das Prinzip Hoffnung; Hoffnung entstand durch das mutige Aussprechen dessen, was ist. Das taten wir und wir pflanzten Bäume, trotz allem. Wir redeten über die Bewahrung der Schöpfung und die Zukunft, und dann war die Hoffnung los.

Etwas voneinander erwarten

Ob einer hofft, zeigt sich unmittelbar im Miteinander. Ob Eltern für ihre Kinder hoffen, Partner füreinander, der Bischof für die Kirche und die Gemeinde für den Pfarrer hofft – das ist spürbar. Die andere nicht aufgeben, nicht aufhören, etwas voneinander zu erwarten, mit Veränderung und Verbesserung zu rechnen, mit Heilung und Erlösung zu rechnen, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass uns gute Tage verheißen sind, weil es schon gute Tage gab, und aus diesem Reichtum zu leben – das ist Hoffnung. Wer ein waches Auge und ein weites Herz hat, den beatmet der Heilige Geist mit Hoffnung.

Die sogenannte rechte Revolution der Denkungsart, die wir gerade erleben – der Traum von einer ethnisch-homogenen Gesellschaft, mit der sich alle Probleme auflösen würden –, ist unchristlich und sie ist hoffnungslos. Sie funktioniert nach den Spielregeln einer Welt, die nur Sieg oder Niederlage kennt, Haben oder Nicht-Haben – das ist die gleiche Logik wie die des Gottes Mammon. Wer sich über das entwirft, was er nicht hat und nicht ist, dem schwindet die Hoffnung, denn er wird nie ankommen. In einer solchermaßen hoffnungslosen Gesellschaft, da herrscht die Gewalt. Es braucht Gewalt, um herbeizuzwingen, was ich nicht habe und nicht bin. Hoffnungslosigkeit gebiert Gewalt. Und die Frucht der Gewalt ist Hoffnungslosigkeit.

Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn

Ob als geschichtstheologische Verheißung einer klassenlosen Gesellschaft oder als technische Überwindung unserer Endlichkeit, ob als Rettungsaussicht durch die Zugehörigkeit zur erwählten Schar von 144.000 oder als einfältiger Himmel der Bürgerlichkeit – in hoffnungslosen Zeiten gedeihen die Hoffnungsidyllen. Aber einmal als Projektion entlarvt, trocknen diese schnell aus oder werden durchfurcht von den Ecken und Kanten real-existierender Geschöpflichkeit.
Welche Hoffnungsgeschichte entfalten Kraft und Trost? Im ersten Buch der Bibel finde ich eine kraftvolle Hoffnungsgeschichte, die mich immer wieder bewegt. Jahre waren bereits vergangen, seit Jakob, der jüngere Zwilling, das Erstgeburtsrecht des Bruders Esau und dann auch noch den väterlichen Segen ermogelt hatte. Jakob flieht. Für viele, viele Jahre trennen sich der Brüder Wege. Aber nun traut er sich zurück. Nach einer halben Ewigkeit würden die Brüder einander wieder begegnen. Jakob erwartet Schlimmes. Er schickt Boten mit freundlichen Botschaften vor sich her und Herden als Geschenk, um seinen Bruder zu besänftigen. Denn er fürchtet, dieser könne ihn erschlagen, ihn und seine Frau und seine Kinder. Und was auch passiert – es scheint das Befürchtete nur zu bestätigen. Um seine Familie gegebenenfalls zu schützen, schickt er sie auf getrennten Wegen.

„Jakob aber blieb allein zurück“, lesen wir dann in der Genesis weiter. „Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. 26 Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er an das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. 27 Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 28 Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. 29 Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. 30 Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. 31 Und Jakob nannte die Stätte Pnuël: Denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet. 32 Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.“

Der Finsternis Segen abtrotzen, mit dem verborgenen Gott ringen. – Mich beseelt, wie Jakob in der Nacht gegen die Dunkelheit streitet, die nach ihm greift. Dieser Kampf hinterlässt seine Spuren; aber es gelingt ihm, sich nicht von der Dunkelheit besiegen zu lassen. Und so macht er sich am Morgen danach auf und kann sich mit seinem Bruder versöhnen.
Mich beschäftigt an der Geschichte von Jakob und Esau auch, wie sehr es die beiden Brüder unter der harten Oberfläche der real empfundenen oder nur unterstellten Feindseligkeit doch zueinander hinzieht. Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer bei ihrer Ordination versprechen, niemanden verloren zu geben, dann hat das hier einen biblischen Anker. Getragen wird dieses Versprechen nämlich von der geschwisterlichen Hoffnung, die Feindschaft als Zustand ernst nimmt, aber als Zielpunkt unseres Miteinanders nicht akzeptiert, sondern zu überwinden sucht. Indem wir als Christ·inn·en miteinander Sonntag für Sonntag für unsere Feind·e·innen und unsere Widersacher·innen beten, springen wir bereits über den trennenden Graben, um in einem nächsten Schritt mit dem Brückenbau zu beginnen.

Auf Hoffnung hin

Hoffnung ist eine Geistesgabe, ist ein Geschenk; ich kann sie nicht herbeizwingen. Muss ich auch nicht, denn Hoffnung ist da. Gott rettet. Wir haben Teil an Gottes Hoffnung für die Welt. Die Dinge mögen schlimm sein; aber sie sind niemals hoffnungslos. Der Mensch kann die Welt nicht retten, aber die geschundene Natur ist nicht verloren. Meine Hoffnung ist nicht, dass die Menschheit alles selber hinkriegt. Meine Hoffnung ist, dass Gott seine Welt rettet. Daraus ziehe ich meinen Mut und zeige mich verantwortlich, wo ich kann. Und so geht es mir auch mit der Kirche. Eine Krise der Kirche wird immer wieder und von verschiedenen Seiten diagnostiziert. Aber gab es eine Zeit, in der die Kirche nicht in der Krise steckte? Bräuchte es die Kirche überhaupt, wenn sie nicht Anteil hätte an der Unbeständigkeit und Anfechtung, die unsere Existenz auszeichnen? Bräuchte es eine Kirche, die nicht all die Konflikte und Missverständnisse, die gesellschaftlichen Bruchlinien und Verwerfungen durchlebt und durchleidet? „Bedrängnis bringt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Römer 5,3b–5) Es ist schwer erträglich, dass wir ebenso wenig wie alles andere auch die Hoffnung nicht institutionell absichern, nicht aedifizieren können, sondern Hoffnung immer wieder gewonnen werden, in Zeiten der Bedrängnis der Dunkelheit abgetrotzt werden muss.

Hoffnung ist eine Geistesgabe. Das heißt, dass wir, die wir auf den Gott der Bibel vertrauen, nicht nur für uns hoffen. Wir hoffen für andere, bitten für andere, und zwar nicht nur für unsere Freunde, sondern auch für unsere Feinde. Wir erwarten etwas voneinander und füreinander und unsere gemeinsame Zukunft – wir leben auf Hoffnung hin.

Kein Mensch bleibt davon verschont, dass ihm die Hoffnung schwindet. Aber es gibt ein Mittel gegen die Hoffnungslosigkeit. Mächtig ist das Gebet. Hoffen heißt beten heißt bitten. Wer bittet, ist nicht mehr allein und auf sich geworfen in der Dunkelheit. Wer betet, bleibt im Hoffnungs-Modus und wird nicht zerfressen von den Abbruchszenarien. Sich in der Dunkelheit im Gebet an Gott festhalten und mit ihm Ringen und dann angeschlagen aber gesegnet in den neuen Tag gehen – aus dieser Hoffnung lebe ich.

 

Zur Person:
Friedrich Kramer ist Landesbischof der der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Er wurde 1964 in Greifswald geboren. Nach seinem Studium der Evangelischen Theologie in Berlin war er Pfarrer in Lodersleben und Gatterstädt sowie mit der Jugendarbeit im Kirchenkreis Querfurt beauftragt. Von 1997 bis 2008 war er als Pfarrer für Studentenseelsorge in Halle (Saale) tätig. Von 2009 bis zu seinem Amtsantritt als Landesbischof war er Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt und zugleich Studienleiter für Theologie und Politik. Bischof Kramer ist verheiratet und hat zwei Töchter.

 

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