Hoffnung und Mut

Ein Beitrag von Dr. Rebecca John Klug

Pfarrerin Dr. Rebecca John Klug

Wenn ich nach meiner Hoffnung gefragt werde, kann ich diese Frage nicht beantworten, ohne über das zu sprechen, worauf ich in meinem Leben mein Vertrauen setze. Der Glaube an den dreieinigen Gott ist es, der mich durchs Leben trägt, der mich beseelt, oft genug herausfordert, mich manchmal fragend zurücklässt und häufig vielmehr mich selbst hinterfragt – mir insgesamt unaufgebbar scheint. Mein Glaube hat ganz praktische Auswirkungen auf meinen Lebensalltag. Sonst hätte ich ihn schon verloren oder verabschiedet.

Das, was ich Hoffnung nenne, ist für mich mit dem Kern dessen, woran ich glaube, eng verwoben – mit dem Kern dessen, was ich Evangelium nenne:
Es gibt keine hoffnungslosen Fälle.

Wenn selbst aus Tod Leben werden kann, gibt es nichts, was sich nicht verändern (lassen) kann.
Veränderung ist möglich. Nicht immer nötig. Aber niemals unmöglich.

Diese Sätze mögen wie steile Thesen klingen. Für mich sind sie der Dreh- und Angelpunkt meines Glaubens, meiner Lebensgestaltung und auch der Antrieb für meine Aufgaben in der Kirche, die ich mit dem Projekt Erprobungsräume übernommen habe.

Ich habe mir diese Sätze nicht ausgedacht.

Der zentrale dieser Sätze wurde mir ins Leben gesprochen, geschenkt – geprägt vor allem von der Theologin und Schriftstellerin Christina Brudereck:

„Es gibt keine hoffnungslosen Fälle.“

Ein so unglaublich anstrengender Satz für mich.

Er vermiest mir das Jammern, Beklagen und Beschweren über all das, was aus meiner Perspektive aussichtslos und unverrückbar erscheint.

Durchaus erlaubt er mir aber auch erst einmal das Jammern, Beklagen, Beschweren und auch Betrauern von dem, was mir als unerträglich erscheint.

Zugleich bleibt er dabei nicht stehen. Dieser Satz fordert mich heraus und ermutigt mich, herauszufinden wie Veränderung möglich ist. Was überhaupt Veränderung bedeutet in der jeweiligen Situation.

Dieser Satz bedeutet nicht, dass ich meinem Gegenüber Veränderung abverlangen kann, von meinem Umfeld Veränderung einfordern oder erwarten kann.

Sondern dieser Satz bedeutet für mich, dass ich mich nicht mit dem zufrieden geben muss, was ist. Weder mit Blick in die große weite Welt und den immer größer werden Ungerechtigkeiten, noch mit Blick auf meine kleine Welt, und auch nicht mit Blick auf die Kirche.

Wenn mein Glaube an Gott, an Christus, an Kreuz und Auferstehung und an die Geistkraft davon erzählt, dass selbst aus Tod wieder Leben werden kann, muss ich nicht erst das letzte Detail dieses Glaubenskerns verstehen und erklären können, sondern kann ich mich in eine Haltung einüben, die ganz grundsätzlich an Veränderbarkeit glaubt, darauf hofft und davon inspiriert mutig ist.

Es gibt keine hoffnungslosen Fälle – Wenn selbst aus Tod Leben werden kann, gibt es nichts, was sich nicht verändern (lassen) kann.

Ich weiß, dass die Botschaft: „Nichts muss so bleiben, wie es ist“, nicht für jede und jeden und in allen Kontexten nach Evangelium, nach froher Botschaft klingt.

Gerade in dieser sich schnell wandelnden Welt, wo so vieles immer unsicherer und unbeständiger scheint, gibt es eine ebenso wachsende Sehnsucht nach Halt, Sicherheit, Stabilität. In dem, was uns dieses Jahr zugemutet hat, ist diese Sehnsucht bei vielen noch einmal unermesslich gewachsen.

Für mich ist dieser Satz dennoch eine frohe und sehr ermutigende Botschaft.

Denn er wehrt sich gegen Festschreibungen.

Er sagt nicht: Du musst dich verändern.

Sondern er ermöglicht Veränderung.

Da, wo das, was ist, nicht alles sein kann. Zu viele Lücken lässt. Oder zu klein hält, zu schmerzhaft ist, zu ungerecht… – Oder einfach nicht zufriedenstellend.

Dieser Satz hilft dabei, sich für die Möglichkeit der Veränderung zu öffnen, veränderungsbereit zu werden. Mich verändern zu lassen. Oder auch selbst Veränderung zu wagen.

Mir hilft dieser Satz für meinen Blick auf die Kirche. Ich habe sie spät lieb gewonnen, meine Zugehörigkeit ganz bewusst ausgewählt. Und doch fällt es mir oft nicht leicht, sie lieb zu halten. Es fällt mir schwer, nicht an ihr zu verzweifeln oder mich mit Blick auf Prognosen für die Zukunft „meiner“ Kirche nicht entmutigen zu lassen.

 

Wenn das, was ist, alles ist, dann können wir einpacken.

Prognosen sagen, dass diejenigen, die die Kirche in ihren aktuellen Erscheinungsformen schätzen und unterstützen, immer weniger werden. Ganz bald schon werden diese Entwicklungen noch deutlicher spürbar sein, als sie es aktuell schon sind.

Man kann diese gesellschaftlichen Entwicklungen und das, was sie für die vertrauten Formen von Kirche bedeuten bedauern, beklagen und auch schmerzliche Abschiede betrauern, die dadurch zu gestalten sind. Meinem Empfinden nach braucht es sogar noch viel mehr Räume zum Abschiednehmen in dieser Kirche. Auch wenn es eine unserer Kernkompetenzen als Kirche ist, Menschen im Abschied nehmen zu begleiten und Liebgewonnene würdevoll zu beerdigen, scheinen wir diese Kompetenz weniger gut auf die aktuellen Prozesse übertragen zu können, die uns als gesamte Kirche abverlangt werden.
Wir müssen uns an vielen Stellen von dem Verabschieden, was wir liebgewonnen haben, was uns vertraut ist.

Dazu braucht es Räume.

Schutzräume.

 

Und zugleich braucht es Räume, um Neues zu erproben, Veränderungen zu wagen.

Auch dazu braucht es Schutzräume. Und Spielräume.

 

Weil ich fest daran glaube, dass das, was ist, nicht alles ist, lähmt mich nicht der Schmerz über das, was wir als Kirche an Vertrautem aufgeben müssen. Sondern kann ich mich in meiner Kirche leidenschaftlich und mutig dafür einsetzen, Neues auszuprobieren, statt hoffnungslos zu werden.

 

Es gibt keine hoffnungslosen Fälle.
Für mich ist das die wichtigste Botschaft.

Meine größte Hoffnung und mein größter Mut.

Mitten im Leben. Zum Leben.

Und auch mitten in der Kirche.

 

Zur Person:
Dr. Rebecca John Klug studierte Evangelischen Theologie in Bochum, Greifswald und Wuppertal. Ab 2016 baute sie als Pfarrerin in Essen die kirchliche Initiative raumschiff.ruhr auf. 2019 wurde sie von der Evangelische Kirche im Rheinland als Landespfarrerin in die Projektstelle „Erprobungsräume“ berufen, die beim Zentrum Gemeinde und Kirchenentwicklung in Wuppertal angesiedelte ist.

 

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