Christliche Identität im digitalen Wandel

In diesen Zeiten der Corona Krise lernen wir die scheinbar vertraute Welt neu kennen. Wir merken, dass vieles scheinbar Selbstverständliche nicht mehr funktioniert. Dazu gehören alle Versammlungen und Treffen mit der größeren Familie, mit Freunden, mit Gleichgesinnten, in den Gemeinden, die eigentlich wie selbstverständlich zu unserem Leben gehören. Wir erleben die aktuelle Situation als einen schmerzhaften Abbruch. Doch findet genau besehen Kommunikation weiter statt. Sehr viel wird in diesen Zeiten telefoniert. Insbesondere die digitalen Medien geraten mit ihren Möglichkeiten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wir sehen nun deutlicher als schon zuvor, wie wichtig es ist, dass es vielfältige Formen der Kommunikation gibt. Sie ersetzen nicht das Treffen von Angesicht zu Angesicht, aber sie bieten die Perspektive von neuen Möglichkeiten.

Die digitalen Medien gewinnen kontinuierlich an Bedeutung
Die Evangelische Akademie im Rheinland entwickelt bereits seit einem halben Jahr ein zentrales Jahresprojekt für 2020 zum Verhältnis von christlicher Identität und digitalem Wandel.: #2komma42 – verNETZt im Glauben“. Auch unabhängig von der aktuellen Situation gewinnen die digitalen Medien kontinuierlich an Bedeutung. Man erkennt den Wandel leicht, wenn man zurückblickt: Wie haben wir 1990 kommuniziert? Damals gab es weder ein allgemein verfügbares Internet noch Mobiltelefone. Wie haben wir 2000 kommuniziert: Das Internet wurde gerade mit einfachen Internetseiten populär und immer mehr Menschen hatten ein Mobiltelefon für die Telefonie. Wie haben wir 2010 kommuniziert? Wenige hatten ein „Smartphone“, mit dem man auch langsam im Internet surfen konnte,  soziale Netzwerke wie Facebook wurden immer bekannter. Wie anders ist die Situation heute! Und es ist nicht absehbar, dass die Entwicklung zu einem Ende gekommen ist.

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die christliche Identität?
Welchen Einfluss wird diese Entwicklung auf die christliche Identität haben? Es ist also sehr wichtig, über die Rolle, die Möglichkeiten und die Grenzen von digitalen Technologien für die christliche Identität nachzudenken. Kurzschlüssige Antworten und Positionierungen werden mit Sicherheit nicht lange tragen. Man kann der Meinung sein, dass Kommunikation über digitale Medien grundsätzlich nur eine Schwundstufe der „richtigen“, „echten“ zwischenmenschlichen Kommunikation von Angesicht zu Angesicht ist. Gerade in diesen Zeiten der Corona-Krise werden aber  wohl auch die größten Skeptiker einsehen, wieviel „echte“ zwischenmenschliche Gemeinschaft sich auch in den digitalen Medien gestalten lässt. Aber auch die gegenteilige Haltung greift zu kurz: Man kann der Meinung sein, dass sich mit den digitalen Technologien eine ganz neue Welt, ja eine bessere Welt auftut, dass sich hier der Fortschritt der Menschheit zeigt, der die Kommunikation auf eine neue Ebene hebt. Wie kurzschlüssig diese Haltung ist, kann man schnell erkennen, wenn man sich vor Augen führt, wie elementar und unverzichtbar eine Umarmung sein kann.

Wo sind die digitalen Medien eine Bereicherung für christliche Gemeinschaft? Wo sind ihre Grenzen?
Wenn aber die extremen Positionen nicht zu halten sind, kommt es auf eine Abwägung an. Wenn es für die zukünftige christliche Identität nicht darum geht, die digitalen Medien weder auszugrenzen noch allein auf sie zu setzen, dann sind Abwägungen notwendig. Wo helfen die digitalen Technologien? Wo sind sie eine Bereicherung, wo eröffnen sie gar neue Horizonte? Wo aber sind auch ihre Grenzen, wo bleibt eine Gemeinschaftserfahrungen mit körperlicher Präsenz unverzichtbar? Hier öffnet sich ein Feld von vielen Diskussionen, zu denen das Projekt „#2komma42 – VerNETZt im Glauben“ einladen möchte. Wenn man das Für und Wider diskutieren will, braucht man eine Grundlage für die Beurteilungen. Diese Grundlage für die christliche Identität stellt heute wie auch schon in der Vergangenheit die Schriften der Bibel dar. Wir haben als Grundlage für das Projekt einen zentralen Vers aus der Apostelgeschichte ausgesucht, den 42. Vers aus dem zweiten Kapitel, der uns eine Hilfe sein soll, um die christliche Identität im digitalen Wandel zu diskutieren:„Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ (Apg 4,42)

Prüfstein für Chancen und Grenzen des Digitalen: die vier Wesenszüge der ersten christlichen Gemeinde
Die frühe  christliche Gemeinde wird hier mit vier Eigenschaften beschrieben: Sie orientiert sich an die Lehre der Apostel, sie stellt sich in die Tradition der Überlieferungen der hebräischen Bibel. Christinnen und Christen leben nicht vereinzelt, sondern mit Bewusstsein in Gemeinschaft, sie stärken sich gegenseitig, machen sich Mut, unterstützen sich. Sie beten regelmäßig und leben so eine Spiritualität, die den Alltag bereichert. Sie brechen miteinander das Brot, das heißt, sie feiern  die Sakramente von Taufe und Abendmahl. Diese kurze Darstellung ist natürlich nicht einfach das Maß jeder christlichen Gemeinde oder einer christlichen Identität. Aber sie bietet eine verdichtete und zentrale Darstellung im Neuen Testament, die eine gute Hilfe sein kann, die christliche Identität auch in jenen Zeiten zu diskutieren, die durch  digitale Technologien geprägt sind.

Das „Brotbrechen“ der ersten christlichen Gemeinde: ein „Störer“ im Blick aufs Digitale
In unserer Darstellung der vier Bereiche auf dieser Website durch die Worte „Gemeinschaft“, „Gebet“, „Geschichten“ und „Brotbrechen“ fällt auf, dass die Farbgebung uneinheitlich ist. Während die ersten drei, Gemeinschaft, Gebet, Geschichten Worte in Blau wiedergegeben sind, erscheint „Brotbrechen“ in Rot. Auf diese Weise soll ein Vorbehalt deutlich werden, eine Vermutung, die im Laufe des Projektes noch diskutiert werden soll. Kann es sein, dass die ersten drei Merkmale christlicher Gemeinschaft sich recht gut mit den digitalen Technologien realisieren lassen, das vierte aber nicht?

Ich vertrete auf jeden Fall diese Auffassung: Brotbrechen ist Brotbrechen und das lässt sich über digitale Technologien nicht vermitteln. Nach meinem Dafürhalten zeigt sich hier eine grundlegende Grenze digitaler Technologien. In physikalischen Begriffen formuliert: Digitale Technologien können weder Energie übertragen noch Masse. Menschen sind aber immer auch körperliche Wesen und notwendig auf Energieaustausch angewiesen. Diese liegt aber immer jenseits einer digitalen Vermittelbarkeit. Digitale Kommunikation ist auf Energie angewiesen, kann aber weder Energie erzeugen noch vermitteln. Menschen leben als leibliche Wesen immer von beidem, von der Kommunikation, von dem zwischenmenschlichen Austausch und von dem Austausch mit der Umwelt. Das eine kann das andere nicht ersetzen.

Das Projekt #2komma42 – VerNETZt im Glauben“ gibt Impulse und möchte mit Ihnen ins Gespräch kommen
Doch hier beginnt schon die Diskussion, zu der das Projekt „#2komma42 – VerNETZt im Glauben“ einladen möchte! Wir werden im Verlauf des Projektes unterschiedliche Formate anbieten, an denen Sie sich beteiligen können. Geplant waren ursprünglich eine Reihe von Veranstaltungen vor Ort, zu denen wir einladen wollten, um dort mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Das ist aber leider auf absehbare Zeit aufgrund der Corona-Krise nicht möglich. Aber unbeschadet davon gibt es eine Vielzahl von Angeboten im Netz, an denen Sie sich beteiligen können: Online-Veranstaltungen, Videogespräche, Blogbeiträge, Impulse auf Instagram …

Die laufend aktualisierte Übersicht unserer Angebote finden Sie auf dieser Website unter „Aktivitäten“. Wir würden uns freuen, wenn sich dieses Projekt zu einem lebendigen Austausch über Gemeinschaft und Christsein in einer digitalen Welt entwickelt und laden Sie herzlich ein, sich mit Ihren Ideen, Gedanken, Anregungen daran zu beteiligen – vielleicht jetzt schon hier mit einem Kommentar zum Artikel oder Ihrer Einschätzung zu Formen der christlichen Gemeinschaft im digitalen 21. Jahrhundert? Wie sehen Sie das? Welche Chancen sehen Sie durch die digitalen Medien für das persönliche Glaubensleben und das Leben der Gemeinde?Schreiben Sie einfach hier Ihre Gedanken auf!

Welche Chancen sehen Sie durch die digitalen Medien für das persönliche Glaubensleben und das Leben der Gemeinde?

Schreiben Sie uns Ihre persönlichen Gedanken hier.
zur Diskussion

 

  • Dr. Frank Vogelsang (www.mensch-welt-gott.de)